Wie gewaltttätig ist «der Islam»)? Eine Antwort von Arnold Hottinger

Gut 99,9 Prozent der Muslime akzeptieren nicht, dass die zur Schau getragene Gewalt im Irak und in Syrien etwas mit dem Islam zu tun hat. Dies sagt Arnold Hottinger, der wohl kompetenteste Schweizer Journalist in Sachen Islam in einem Gespräch mit der Internet-Plattform www.infosperber.ch. Eine Korrektur zum seichten Geschwätz von weltwoche und Co.:
In Westeuropa überwiegt, neben Abscheu angesichts der rohen Gewalt, vor allem Angst und Ablehnung. Müssen wir Angst vor dem Islam in seiner heutigen Gestalt haben?
Ich würde mich davor hüten, vom Islam und seiner heutigen Auslegung zu sprechen, wenn ich damit die Islamperversionen, d. h. die Entstellungen der sogenannten Islamisten meinte. Von diesen «Islamentstellern» gibt es verschiedene Arten, friedlichere und gewalttätigere. Die gewalttätigsten und brutalsten von allen, gegenwärtig der IS, werden leider im westlichen Ausland leichtsinnig als «der Islam» wahrgenommen. Dank ihrer Bluttaten sind die Jihadisten in den Medien am sichtbarsten. Sie selbst halten sich für Muslime. Doch die grosse Mehrheit der Muslime – ich meine gut 99,9 Prozent – akzeptiert nicht, dass die zur Schau getragene Gewalt im Irak und in Syrien etwas mit dem Islam zu tun hat. Zu Recht muss man sagen. Beim IS und Konsorten handelt es sich nämlich um eine Ideologisierung des Islams, die ihnen als Instrument dazu dient, mit Gewaltmitteln Macht anzusammeln. Sie behaupten, sie handelten im Namen des Islams, nur um über lokale und stammesbedingte Solidaritäten hinaus weit ausgebreitete Solidaritätsgründe zu schaffen. Nicht nur Religionen, sondern auch Ideologien können weltweit greifen – wie wir Europäer aufgrund unserer Geschichte des ver- gangenen Jahrhunderts eigentlich wissen sollten. Den Unterschied zwischen Religion und Ideologie würde ich so definieren: Religion sucht Verbindungen zu Gott; Ideologie ist ein Heilsversprechen auf dieser Welt. Der Ideologe, wer immer der auch sein mag, verspricht seinen Anhängern: «Folge unseren Vorstellungen und Du wirst glorreich, erfolgreich auf dieser Welt wer- den.» Manchmal wird von Ideologen in der islamischen Welt auch eine Paradiesverheissung als Lockvogel verwendet. Dies zeigen die vielen Selbstmordattentäter, über die der IS verfügt. Die Leute, bei denen die islamistischen Ideologen Gehör finden, sind Individuen, die mit ihrem Leben radikal unzufrieden sind, aus welchen Gründen auch immer. Sie suchen daher Rettung bei einer Ideologie, die ihnen ein Heilsversprechen erteilt, von dem sie glauben, dass es ihrem als verpfuscht empfundenen Leben Sinn verleihe. Dies ist durchaus vergleichbar mit den Heilsversprechen der Nazis oder der Kommunisten Mitte letzten Jahrhunderts. Dass heute viele Jugendliche auf die Heilsverheissungen der islamistischen Ideologen hereinfallen, ist nicht eine Folge des Islams, sondern vor allem eine Folge des Staatszerfalls sowie seiner Ursachen und Begleiterscheinungen.
Es gibt nicht wenige Autoren, die diese Gewalt mit dem Koran in Verbindung bringen. Zitiert wird häufig die 8. Sure über die Kriegsbeute (Al-Anfal) als Legitimierung von Gewalt gegen Feinde. Liest man diese Sure, muss man zugeben, dass darin wirklich ziemlich gnadenlos mit den Feinden des Islams umgegangen wird.
Die islamischen Theologen haben seit Jahrhunderten Methoden entwickelt, wie mit solchen Koranstellen umzugehen ist. Sie sa- gen, der Koran muss als Ganzes verstanden und beurteilt werden, nicht aufgrund von einzelnen Versen oder Suren. Sie sagen auch, dies gehe aus dem Umstand hervor, dass es sich im Koran Widersprüche gebe, die doppelsinnig ausgelegt werden könnten. Diese «Ambiguitätstoleranz» wird dabei nicht als ein Mangel oder etwa Fehler verstanden, sondern positiv und als Reichtum betrachtet (siehe auch das Buch von Thomas Bauer «Die Kultur der Ambiguität» von 2011). Islamische Theologen unterscheiden heute zwischen allgemein gültigen Normen Gottes und Hinweisen Gottes auf Handlungsbedarf in bestimmten, damals zur Zeit des Propheten und gegenüber dessen Problemen gegebenen Situationen. Auf diesem Weg wurden die blutrünstigen Aussagen des Korans abgewertet (blosse Handlungsanweisungen in der damaligen Welt und unter den damaligen Umständen) und die versöhnlichen als allgemeingültig klassifiziert.
Leider müssen wir auch im Neuen Jahr uns mit  solchen Themen auseinandersetzen. Jedenfalls bleibe ich dran…

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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