Was steht von Maria im Koran und in der Bibel?

Sie wissen wohl, dass Maria auch im heiligen Buch der Muslime, im Koran vorkommt. Aber die wenigsten wissen, dass dort von Maria mehr geschrieben steht als im Neuen Testament. Zwei Suren, also zwei Abschnitte haben ihren Namen sogar im Titel. In einer von ihnen finden wir eine überraschende Parallele zum heutigen Evangelium. Daraus einige Sätze:
«Wir sandten unsern Geist zu Maria. Er erschien ihr im Bildnis eines wohlgestalten Menschen. … Er sagte: ‹Ich bin der Bote deines Herrn, um dir einen lauteren Knaben zu schenken.› Sie sagte: ‹Wie soll ich einen Knaben bekommen. Es hat mich ja noch kein Mensch berührt …?› Er sagte: ‹Wir wollen ihn zu einem Zeichen für die Menschen und zu einer Barmherzigkeit für uns machen.› So empfing sie ihn.›
Im gleichen Kapitel wird erzählt, wie Maria ihren Sohn unter Palmen geboren hat.
Wenn man solche Stellen liest, wundert man sich. Man wundert sich auch über manche Muslime, die in dieser Adventszeit ihren Kindern verbieten, sich in der Schule Krippenspiele anzuschauen. Es zeigt sich hier, dass es nicht nur unter den Christen Leute gibt, die keine grosse Ahnung haben von dem, was in ihrem heiligen Buch steht.
Ich möchte hier nicht weiter vom Koran erzählen. Vielmehr lade ich Sie ein, kurz miteinander anzuschauen, was das Neue Testament uns von Maria erzählt. Wir werden dabei sehen, dass das heutige Fest «Maria Erwählung» oder eben ihre «Unbefleckte Empfängnis» in der Bibel nicht vorkommt.
Das will nicht heissen, dass das Dogma falsch ist. Aber ich wage zu behaupten: Statt uns Spekulationen hinzugeben, ist es besser, genau hinzuschauen, was die Bibel von Maria berichtet. Es sind übrigens bloss ein gutes Dutzend Stellen, während es im Koran über zwei Dutzend sind. Obwohl es verhältnismässig wenig Stellen sind, möchte ich Sie liebe Gläubige nicht strapazieren und nur die wichtigsten anschauen.
 
Beginnen wir mit dem heutigen Evangelium, der Ankündigung der Geburt Jesu aus dem Lukas-Evangelium. Am bekanntesten ist uns das Wort Marias, das wir ja im Engel des Herrn beten: «Mir geschehe nach deinem Wort.» Wir überlesen leicht, das was Maria vorher gesagt hat, ihre Frage: «Wie soll das geschehen?» Ihr Glaube ist also nicht blind. Sie wagt es, die Verheissungen Gottes zu hinterfragen.
Ein erster Befund: Sie ist eine junge, kritische Frau; eine denkende Frau.
Im Lukas-Evangelium folgt nach dieser Szene der Besuch Marias bei ihrer Verwandten Elisabeth. Die Bibelkenner und die Prediger sehen darin wohl zu Recht eine soziale Tat. Sie will ihre hoch schwangere Freundin unterstützen.
Auf diesen Seiten finden wir auch das Loblied Marias, das Magnifikat. Wir Priester und Ordensleute beten es jeden Tag in der Vesper. Dabei übersehen wohl die meisten die Brisanz dieser Worte, wenn es zum Beispiel heisst: «Die Mächtigen stösst er vom Throne.»
Übrigens: Chiles brutaler Diktator Pinochet hat diese Worte besser verstanden als wir. Denn beim Papstbesuch in seinem Land fiel dieser Satz der Zensur zum Opfer.
Zweiter Befund: Maria war sehr sozial. Ja, sie war sogar revolutionär. Darum wird sie zum Bespiel von den Armen und Unterdrückten Lateinamerikas hoch verehrt. Diese sehen in ihr eine solidarische Schwester.
 
 
Zwei weitere Stelle, über die in den allermeisten Marienpredigten schamhaft geschwiegen wird.

Da ist einmal der Besuch im Tempel. Auf der Heimreise ist Jesus unauffindbar. Als ihm dann Maria klagt, seine Eltern hätten ihn mit Schmerzen gesucht, entgegnete er, sein Platz sei im Tempel, bei seinem Vater.
Und da ist die Szene, da Maria und die Verwandten Jesus während einer Predigt aufsuchen. Seine Antwort: «Wer ist meine Mutter? Wer sind meine Brüder? Es sind jene, die den Willen Gottes tun.»

Ein dritter Befund: Das Verhältnis Jesu zu seiner Mutter und zu seiner Familie war nicht ohne Spannungen. Vor allem heutige Predigerinnen sahen darin einen Trost für Mütter und Eltern, die Mühe haben mit ihren Kindern.
Und trotz den Schwierigkeiten von Maria mit ihrem Sohn: Sie hält bis ans Ende zu ihm. Als die allermeisten seiner Freunde geflohen sind, harrt sie unter dem Kreuz aus.
So haben wir schon zum einen 4. Befund entdeckt: Maria war eine mutige, eine starke Frau.
Damit kommen wir zum Schluss meiner Predigt und zum heutigen Fest: Wenn wir jetzt einer aussergewöhnlichen Frau begegnet sind, müssen uns die dogmatischen Spekulationen nicht mehr stören. Dann fällt es uns leicht zu glauben, dass Gott Maria auf aussergewöhnliche Weise auserwählt hat.

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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