«Wegsehen» ist eine bewährte Taktik, um sich dem Elend nicht aussetzen zu müssen. Daran erinnert Marcel Reich-Ranicki in seiner Autobiographie. Ein durchaus nicht judenfeindlicher Mitschüler hatte auf der Strasse einen gemeinsamen Klassenkameraden bemerkt, der von den Nazi übel zugerichtet wurde. «Ich habe schnell weggesehen», erzählt er nach dem Krieg Reich-Ranicki. Dieser schreibt in seinem Buch lapidar: «Ja, das trifft die Sache: Millionen haben weggesehen.»
Und heute: In den letzten 20 Jahren starben weit über 8000 Afrikaner beim Versuch, die «Todeszone» Mittelmeer zu überqueren. Wir erfahren davon zum Beispiel im Fernsehen. Und schauen wieder weg. Und Papst Franziskus muss in Lampedusa «ein Globalisierung der Gleichültigkeit» konstatieren.
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant