Religion und Gewalt

Der islamistische Terror entfacht eine Debatte über die angeblich in der Religion selbst angelegte Gewalt. Kirchenratspräsident Michel Müller und Islamwissenschaftlerin Rifa’at Lenzin stellen sich unbequemen Fragen. Islamkritiker gehen noch weiter: Der Islam sei mit dem Rechtsstaat nicht vereinbar.   –
Leider bin ich erst jetzt auf dieses sehr aufschlussreiche Gespräch gestossen, das in der reformierten Kirchenzeitung reformiert.ch erschien. Es vertieft einige Streitpunkte, die hier im Blog schon mehrmals zur Sprache kamen. (Gekürzte Fassung)
Islamkritiker meinen, Islam sei mit dem Rechtsstaat nicht vereinbar. Lenzin: Da können Sie genauso gut sagen, Christentum und Demokratie passten nicht zusammen. Man sollte nicht die Islamkritiker fragen, wie der Islam zu verstehen ist, sondern selber hinhören, was die Muslime sagen. Die überwältigende Mehrheit der Muslime, die hier leben, bekennt sich zu Verfassung und Rechtsordnung. Sie fühlt sich wohl hier. Müller: Da haben wir tatsächlich eine verzerrte Debatte. Der Islamische Zentralrat wird von den Medien ständig angefragt, weil er fette Schlagzeilen liefert, die von islamophoben Kreisen dankbar aufgegriffen werden. Tut mir leid, aber da wäre einmal eine Medienschelte angebracht. Distanzieren sich aber die gemässigten Muslime genug stark von den Fundamentalisten? Lenzin: Ich wüsste nicht, wovon ich mich distanzieren sollte. Was habe ich mit einer Terrorgruppe zu tun, die in Irak grausame Verbrechen verübt? Mich stören diese Distanzierungsrituale grundsätzlich. Mir wird unterstellt, ich würde als Muslim Verbrechen stillschweigend gutheissen, weil sich die Täter auf den Islam berufen. Das finde ich empörend. Es geschehen so viele Grausamkeiten in dieser Welt. Aber mussten sich Buddhisten je von der Gewalt im Bürgerkrieg in Sri Lanka distanzieren? Oder von den Massakern, die in Burma an der muslimischen Minderheit verübt wurden? Nein. Der Buddhismus gilt als friedlich, punkt. Müller: Ich verstehe, dass Muslime nicht unter Generalverdacht gestellt werden wollen. Doch werden im Namen meiner Religion, die eigentlich eine Botschaft der Liebe ist, Schreckenstaten verübt, bin ich zur Stellungnahme aufgefordert. Dann hätte sich der Kirchenrat auch von der christlich motivierten Hetze gegen Homosexuelle in Afrika distanzieren müssen. Müller: Wenn ich gefragt werde, tue ich das. Was dort im Namen des Glaubens geschieht, ist furchtbar. Der Protestantismus hatte immer wieder Rechtfertigungsprobleme. Ich denke an den jüngst verstorbenen Ian Paisley. Der Provokateur im Nordirland-Konflikt war für uns ein Stachel im Fleisch des Glaubens. Oder die weisse protestantische Kirche Südafrikas, die das ideologische Gebäude zur Rechtfertigung der Apartheid mit angeblichen theologischen Argumenten errichtet hatte. Dazu müssen wir als Glaubensgeschwister Stellung beziehen. Lenzin: Die muslimischen Verbände haben sich ja auch distanziert. Aber das war den Zeitungen, wenn überhaupt, höchstens eine Kurznachricht wert. Es ist eben immer auch eine Frage der Ressourcen. Müller: Das ist mein Vorwurf an die Bischofskonferenz, die von den muslimischen Verbänden bekanntlich öffentlich eine solche Distanzierung gefordert hat. Die Bischöfe meinen, die Muslime hätten die gleichen Möglichkeiten in der Öffentlichkeitsarbeit wie sie selbst. Ein Bischof könnte gerne auch an unserem runden Tisch teilnehmen. Dann käme er mit den Muslimen ins Gespräch. Aber hat der Islam kein Gewaltproblem? Der Koran rechtfertigt Gewalt an einigen Stellen. Müller: Natürlich hat der Koran ein Gewaltproblem. Und auch die Bibel hat ein Gewaltproblem, weil die Menschheit ein Gewaltproblem hat. Sogar Jesus, der Gewaltlosigkeit predigte, wurde vor hundert Jahren für die Kriegspropaganda missbraucht. «Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert.» Das Zitat wurde dazu benutzt, den Ersten Weltkrieg zu rechtfertigen. Lenzin: Natürlich gibt es Suren im ­Koran, die das Klischee einer Gewaltreligion erfüllen. Daraus lässt sich dann ein finsteres Islambild ableiten, das schon in der Frühzeit von Christen gemalt wurde, um den Koran zu kritisieren. Das ist ahistorisch und entspricht in keiner Weise dem wissenschaftlichen Stand der Forschung. Ich könnte mit Gewalt verherrlichenden Bibelzitaten, mit Hexenverbrennungen und Apartheid oder den Kreuzzügen kontern. Aber ein Schlagabtausch, der auf gegenseitigen Konstruktionen beruht, bringt nichts. Und der Schluss liegt dann nahe: Die Welt wäre friedlicher ohne Religion. Müller: Das ist das Klischee, das jetzt durch Leserbriefspalten und Foren geistert und durch das 20. Jahrhundert widerlegt ist. Wir müssen gemeinsam das grosse Friedenspotenzial der Religionen aufzeigen. Und erklären, dass jene irren, die Gewalt durch Religion legitimieren. Wie ist denn das Konzept des Heiligen Krieges zu verstehen, das im Koran angelegt ist? Lenzin: Es umfasst mehrere Aspekte, der politisch-militärische ist nur einer davon. Daneben war der Jihad immer auch ein spirituelles Konzept. Man unterschied zwischen dem grossen Jihad als Kampf gegen das eigene Selbst, dem man höhere Bedeutung beimass als dem kleinen Jihad als militärische Anstrengung. Problematisch sind nicht die Koran-Stellen, die in einem historischen und heilsgeschichtlichen Kontext stehen, sondern deren Interpretation. Heutige Jihadisten reduzieren das Geltungsspektrum nicht nur einseitig auf den militärischen Bereich, sondern lassen die Definition von Ungläubigkeit ausser Acht. Sie definieren als Ungläubige alle, die nicht mit ihrer Sicht einverstanden sind. Das können Christen, Juden oder Atheisten sein, aber ebenso gut und vor allem Muslime. Dieser radikalen ideologischen Haltung entsprechen spiegelbildlich westliche Kommentatoren, die willig und kritiklos die Argumentation der Jihad-Kämpfer übernehmen und deren Interpretation des Jihads als einzig gültige darstellen.

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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