«In einer Diktatur sind die Menschen hilflos.» Oder doch nicht?

Eine der eindrücklichsten Stellen in der bereits gestern zitierten Autobiographie von Marcel Reich-Ranicki handelt vom einfachen Polen, der ihn und seine Frau versteckt hatten, nachdem sie aus dem Warschauer Ghetto geflohen waren: «Er blickte uns eines Tages übermütig an und erklärte mit verwegener Miene, besonders langsam und nicht ohne Feierlichkeit:¨
‹Adolf Hitler, Europas mächtigster Mann, hat beschlossen: Diese beiden Menschen hier sollen sterben. Und ich, ein kleiner Setzer aus Warschau, habe beschlossen: Sie sollen leben. Nun wollen wir mal sehen, wer siegen wird.›»
Ich weiss, Juden zu verstecken brauchte Mut. Ich weiss nicht, ob ich ihn aufgebracht hätte. Und doch: Hätten doch mehr diesen Mut gehabt.
Szenenwechsel: In einer fränkischen Gemeinde wollten die Nazis ein Kloster aufheben. Unter der Bevölkerung gab es einen grossen Aufruf mit einer Riesen-Demo. Das Kloster wurde nicht aufgehoben. Und der zuständige Ober-Nazi gab den Befehl heraus, in der ganzen Region kein Kloster aufzuheben. Er wollte nicht weitern Ärger.
Na ja, «man kann ja doch nichts tun in einer Diktatur!»???

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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