Was sind das für (kirchliche) Zeiten, in denen ein «urbiblisches» Wort wie «Barmherzigkeit» zur Sensation wird, wenn die Kirchenführung es ernst nimmt. Dazu der Germanist und engagierte Katholik Josep Bättig im Innerschweizer Pfarrblatt:
«Wir machen die Erfahrung, dass es auch in unserem seelischen Bereich Türen und Schlösser gibt, die, definitiv verschlossen, uns am Weitergehen hindern. Lassen sie sich aber öffnen, führen sie uns in neue, noch nicht entdeckte, unerwartete Zimmer, Gänge, Etagen und Stockwerke!
Für derartige Wunderdinge gibt’s einen Namen. Man nennt sie Schlüsselworte. Seit einiger Zeit sind es deren zwei. Sie heissen: Barmherzigkeit und Gnade. Seit sie von Papst Franziskus ebenso oft wie glaubwürdig gebraucht werden, sind sie nicht mehr ausschliesslich in hochkomplizierten theologischen Traktaten und Abhandlungen zu finden, sondern bewähren sich weltweit im ganz konkreten Leben.
Wie ist es möglich, dass wir beide Worte wie eine Offenbarung eines neuen Kirchenbildes erfahren, wo es doch zwingend zum Selbstverständnis einer frohen Botschaft gehört hätte, Barmherzigkeit und Gnade stets und zu allererst anzubieten? Wer den Paragraphen an die erste Stelle rückt, tut sich eben schwer, Gnade und Barmherzigkeit gleich mitzudenken. Das gilt auch für die konkret erfahrene Realität innerhalb der Kirche.» Joseph Bättig
Übrigens: Während der Bischofssynode warnte ein Kardinal davor, im Zusammenhang mit wiederverheirateten Geschieden immer wieder von Barmherzigkeit zu sprechen. Sonst entstünde der Eindruck, Johannes Paul II. sei unbarmherzig gewesen. Na ja, man denke an das Bild mit Ernesto C, der demütig vor dem Papst kniet und von diesem mit dem Drohfinger abgestraft wird. Oder auch an die von ihm ins Archiv verbannten Laisierungsgesuche.
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant