Wie die meisten von euch wissen, bin ich zurzeit auf Kreta (und habe diese Blog-Einträge vorproduziert). Ich habe mich geweigert, den Computer oder ein ähnliches Gerät mitzunehmen. Es reicht ja, wenn ich etwa einmal pro Woche ins Internet-Cafe pilgere. Und mein Handy habe ich zwar dabei. Doch auch wenn ich zuhause bin, lasse ich mich nicht von ihm diktieren. Meine Nr. kennen nur drei-vier Leute, denen ich ohnehin eingeschärft habe, mir nur «bei Mord und Totschlag» zu telefonieren.
Und hier zum Thema UNERREICHBARKEIT ein Beitrag meines Mitbruders Marinus, Provinzial der dt. Kapuziner.
»Jeder hat das Recht auf Unerreichbarkeit» Diese Überschrift sprang mir – bei Radio Vatican – ins Auge. «Weil die Arbeit nie aufhört, muss der Mensch immer wieder mit der Arbeit aufhören – zumindest im Urlaub und am Sonntag. Deshalb fordern wir eine ‹Kultur der Unerreichbarkeit’ als Teil einer neuen Arbeitsphilosophie.» Mit diesen Worten appelliert der Verband der Katholiken in Wirtschaft und Verwaltung vor allem an Arbeitgeber und Vorgesetzte, die jetzt beginnenden oder schon laufenden Ferienzeiten zu achten.
«Unser Forderung ist, dass sich Menschen, wenn sie Urlaub oder frei haben, auch wirklich frei sind von Arbeit», sagt Bernd-M. Wehner, Bundesvorsitzender des Verbandes. «Das heisst, dass sie auch nicht per Handy für den Arbeitgeber erreichbar sind oder meinen, sie müssten Emails bearbeiten und Ähnliches.»
Jeder habe ein Recht auf Unerreichbarkeit – und das müsse man akzeptieren. «Man hat ja schon den Eindruck, dass Leute das Gefühl haben, dass ohne sie gar nichts mehr läuft. Das Problem ist, dass moderne Medien jeden überall erreichbar machen. Das verhindert letztlich auch das notwendige Abschalten und fördert auch Burn-Out bei den Mitarbeitern.»
So habe sich Burn-Out und Stress zu Europas neuer Volkskrankheit entwickelt, die damit auch die Unternehmen belasteten. Zwischen 50 und 60 Prozent aller verlorenen Arbeitstage seien auf Stress zurück zu führen. Der wirtschaftliche Schaden dadurch liege bei geschätzten 20 Milliarden Euro jährlich – vor allem im personalintensiven Mittelstand, so Bernd-M. Wehner. Hirnforscher und Psychologen hätten längst festgestellt, wie wichtig Phasen der Absichtslosigkeit und des entspannten Nichtstuns seien. Und hier zitiert der Verband in seinem Aufruf den Ökonomen und Nachhaltigkeitsexperten Fred Luks: «Entspannen Sie sich. Das ist wahrscheinlich das Beste, was Sie zur Rettung der Welt beitragen können.»
Aus christlicher Sicht liesse sich noch manches hinzufügen. Der Urlaub genügt wohl nicht als Zeit der Absichtslosigkeit. Diese Haltung, die uns offen sein lässt für Überraschungen, gehört in jeden Tag.
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant