Bürgerlich oder prophetisch-messianisch?

Es gehe darum, ob in der Art einer bürgerlichen Religion das Bürgersein das Christsein in Beschlag nimmt oder ob in der Linie der prophetisch-messianischen Tradition das Christsein das Bürgersein bestimmt. So schrieb der Luzerner Theologe Urs Eigenmann 1990 in seinem Exodus-Buch «Am Rand die Mitte suchen». Ich suche dazu konkrete Beispiele:

An der Synode 72 gab es wegen eines Übersetzungsfehlers die Meldung, die Synode wolle die Armee abschaffen. (Im französischen Urtext  hiess es, die Schweiz solle die Voraussetzungen dafür schaffen, dass sie keine Armee mehr brauche. Eine entscheidende Nuance.) Die Reaktionen darauf waren für mich zum Teil erschütternd. Es gab nicht wenige Mannen (kaum Frauen), welche die Armee gewählt hätten, wenn sie zwischen dieser und der Kirche hätten entscheiden müssen … Hier «nimmt das Bürgersein das Christsein» offensichtlich in Beschlag.
Wenn es um Entscheide im Asylwesen geht: Wo beeinflusst hier das Christsein die Haltungen/das Abstimmungsverhalten? Die allermeisten richten es nicht an der Bibel, sondern um «bürgerlichen» Wertekanon aus.

Eigenmann stellt in diesem Zusammenhang zwei Grundhaltungen einander gegenüber:

Geschöpflichkeit annehmen statt Egoismus
Umkehrbereitschaft statt Selbstgerechtigkeit
Eigenverantwortung statt infantile Unmündigkeit
Option für die Benachteiligten statt Vergötzung ungerechter Strukturen und Praktiken.

 

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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