Das Kreuz jenseits der Missverständnisse (und der Leidens-Glorifizierung)

(Vorbemerkung: Vor einem Monat hatte ich mich auf ein freies Wochenende gefreut. Da bekam ich am Samstag beim Frühstück ein schönes Geschenk: die Einladung, anstelle eines erkrankten Mitbruders die Vorabendmesse und dann – in Stans – zwei Sonntagsmessen zu halten; mit einer Predigt zum Fest Kreuzerhöhung … – Da ich für den Sonntag schon einen Blog-Eintrag gepostet hatte, entschloss ich mich, die Predigt auf den Blog von heute zu verschieben. Die Kurzansprachen, die ich zurzeit auf Kreta für die Touristen halte, dokumentiere ich ja hier nicht …)
Das heutige Fest Kreuzerhöhung lädt uns dazu ein, uns mit dem Sinn des Kreuzes zu befassen: dem Kreuz Jesu und dem eigenen Kreuz. Dabei gilt es vor allem auch, weit verbreitete, tief verwurzelte Missverständnisse auszuräumen.
Als erstes: Jesus hat das Kreuz nicht glorifiziert, nicht verherrlicht. Und ebenso: Er hat es nicht gesucht. Jedoch: Er ist ihm auch nicht ausgewichen, als es unvermeidlich wurde. Denn Jesus hat mit seiner Verkündigung von einem vorbehaltlos liebenden, barmherzigen Gott die Leute provoziert, die das Sagen hatte. Die Frommen und Einflussreichen reagierten nämlich etwa so: «Wenn auch die Sünder, die Zöllner und Betrüger, die Dirnen in den Himmel kommen, dann sind wir die Betrogenen; wir, die uns anstrengen, ein anständiges Leben zu führen.»
Und es kam, wie es kommen musste: Jesus unbegrenzte Liebe führte zum grenzenlosen Hass gegen ihn. Das Kreuz war die Konsequenz.
Nochmals: Jesus hat das Kreuz nicht gesucht. Vielleicht haben einige von uns es als Kinder anders gelernt. Ich jedenfalls erinnere mich an Darstellungen von Krippen, an deren Wand ein Kreuz hing. Der Kommentar: Schon als Baby hat Jesus das Kreuz vor Augen gehabt. Sein ganzes Leben lang sehnte er sich danach, am Kreuz zu sterben.
Nein, im Evangelium gibt’s überhaupt keine Hinweise darauf. Im Gegenteil: Jesus war ein lebensfroher Mensch. Denn er wusste sich getragen und geliebt von einem Gott, der für ihn ein menschenfreundlicher Vater war.
Jesus, der fröhliche Menschen konnte auch Feste feiern. Er war ein beliebter Gast bei Hochzeiten, die damals ja mehrere Tage und Nächte dauerten. Wenn der Wein ausging, hat er nicht zum Verzicht aufgerufen, sondern durch ein Wunder nachgeholfen. Er verwandelte Wasser in Wein – und nicht umgekehrt, wie manche es heute wohl gerne sehen würden.
Man warf Jesus sogar vor, er sei ein «Fresser und Weinsäufer». Hermann-Josef Venetz, der ehemalige Professor für Neues Testament an der Uni Freiburg, scherzte, dies sei für ihn der schönste Hoheitstitel, den Jesus bekommen habe. Oder wie wir es in der ansonsten recht strengen Ordenserziehung gelernt haben: «Wer nicht geniesst, wird ungeniessbar.»
Sie, liebe Gläubige, kennen sicher auch Menschen, die griesgrämig sind; denen wir am liebsten aus dem Weg gehen. Jesus aber war ganz anders. Weil er ein froher, freier Mensch war, haben die Leute seine Nähe gesucht. Bei ihm wurde es ihnen wohl ums Herz. Hätte er dauernd das Leiden und das Kreuz verherrlicht, wäre man ihm wohl ausgewichen.
Sie werden vielleicht einwenden: Jesus hat uns doch dazu aufgerufen, sein Kreuz zu tragen. Damit haben Sie Recht. Aber das will nicht heissen, dass wir Leiden und Kreuz suchen. Sondern: Wir sollen die dunklen Seiten unseres Lebens nicht verdrängen. Sie sind nun einmal da, in jedem Leben. Wir sind eingeladen, ihnen nicht auszuweichen. Die Psychologie sagt ja: «Nur das, was wir innerlich annehmen, können wir ändern, verwandeln, ertragen.»
Ich kann diese Einsicht nicht besser formulieren als Franz Kamphaus, der ehemalige Bischof von Limburg: «Die christliche Hoffnung ist auf das ganze menschliche Leben ausgerichtet. Hier wird nichts verdeckt oder verdrängt, sondern das Leben wird angenommen, wie es ist: Freude und Leid, Geglücktes und Misslungenes, Erfolg und Scheitern, Leben und Sterben. Das Christentum zeichnet sich dadurch aus, dass es den Tod nicht verdrängt, sondern sich mutig damit auseinandersetzt.»
Damit, so möchte ich hinzufügen, ist die Voraussetzung da, dass das Leiden in der Auferstehung umgewandelt wird. Erlauben Sie mir, nochmals Franz Kamphaus zu zitieren: «Das Kreuz sagt mir: Gott ist mir auch im Leiden nahe, und er ist den Leidenden nahe.»
Zum Schluss dazu eine kurze Geschichte, die Sie vielleicht schon kennen, die wir aber nie genügend bedenken können: In einem Konzentrationslager wird ein junger Mann erhängt. Das ganze Lager muss zusehen, wie er in einem langen Todeskampf grausam leidet. Jemand fragt verzweifelt: «Wo ist Gott?» Ein anderer antwortet: «Gott ist da vorne, am Galgen.»
Ja, Gott ist da, wo Menschen leiden. Er leidet mit uns. Er schenkt uns, wie Bischof Kamphaus gesagt hat, im Leiden seine Nähe. So können wir hoffen: Wenn wir unser Kreuz tragen, kommt auch für uns das Fest der Kreuzerhöhung; oder besser gesagt: Dann wird das Kreuz für uns zum Zeichen der Hoffnung, der Auferstehung, wo  alle Tränen getrocknet werden; wo wir singen können: «Alles Leid ist hin.»
 

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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