Die unsichtbare Mauer
Kürzlich an der ehemaligen innerdeutschen Grenze: Wir besuchen die Gedenkstätte Point Alpha, die dort steht, wo wohl der Dritte Weltkrieg begonnen hätte. Hier ragte die DDR am weitesten ins Gebiet der BRD hinein. Die Truppen von Ost und West standen sich buchstäblich Auge in Auge gegenüber.
Die Gedenkstätte umfasst auch eine Rekonstruktion des Todesstreifens mit Splitter- und Erdminen. Der Streifen ist zwar nicht so wuchtig wie die Berliner Mauer. Aber auch hier wird spürbar, wie schmerzlich die Trennung Europas in zwei verfeindete Machtblöcke war. Unwillkürlich denkt man hier an die rund 1000 Menschen, die beim Versuch, in den freien Westen zu gelangen, getötet wurden. Allein in Berlin waren es 136.
Wer nicht unsensibel ist für die Herausforderungen der Gegenwart, muss hier auch an die Grenze denken, welche der wiedervereinigte Kontinent nach dem «Mauerfall» errichtet hat: die Grenze zwischen dem reichen Norden – der «Festung Europa» – und dem verarmten Süden. Auch hier wird versucht, mit allen Mitteln Menschen davon abzuhalten, auf die andere Seite zu gelangen.
Und man ist versucht, das zu tun, was man nicht tun sollte: Opfer gegeneinander aufzurechnen. Doch erst dann, wenn wir Zahlen vor Augen haben, geht auf, wie Ungeheuerliches zurzeit Tag für Tag abläuft. In den letzten 20 Jahren starben weit über 8000 Afrikaner beim Versuch, die «Todeszone» Mittelmeer zu überqueren.
Nochmals zurück zur innerdeutschen Grenze. Wer vor dem Todesstreifen steht, fragt sich, warum jemand solch schier unüberwindliche Grenzen zwischen Menschen aufrichten konnte. Bei näherem Zusehen zeigte es sich, dass nicht nur Bosheit im Spiel war. «Wir mussten etwas tun, weil unsere besten Leute wie Ärzte und Ingenieure massenweise unser Land verliessen», betonte kürzlich ein ehemaliger DDR-Funktionär in einem Interview.
Auch heute heisst es: «Wir müssen etwas tun.» Diesmal gilt es nicht, Menschen davon abzuhalten, unser Gebiet zu verlassen. Die unsichtbare Mauer zwischen Nord und Süd dient dazu, Menschen daran zu hindern, zu uns zu kommen.
Obwohl die DDR offensichtlich ihre vernünftigen Gründe hatte, bringt heute kaum jemand Verständnis auf für die hermetische Abriegelung dieses Staates. Und obwohl wir – die Reichen – unsere Gründe haben, den Ansturm aus dem Süden abzuwehren, ist es zweifelhaft, ob uns die Nachwelt verständnisvoll beurteilen wird. (erschien als KIPA-Kommentar)
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.blogs-kath.ch/auch-wir-bauen-mauern-oder-andere-bauen-sie-mit-unserer-zustimmung/