Die Schönheit der Schöpfung/ Predigt zur Schöpfungszeit

(Vorbemerkung: Wir stehen in der Schöpfungszeit – 1. September bis Franziskustag/4. Oktober. Da ich diese Predigt auf dem Pilatus, näherhin auf Fräkmüntegg halte, ist es naheliegend, über die Schönheit der Schöpfung zu predigen.)
Es herrscht Krieg in der Welt, nicht nur im Irak, in Syrien in Israel/Palästina. Es gibt auch einen ganz andern Krieg, der seit langer Zeit im Gange ist: nämlich den Krieg gegen die Schöpfung.
Eine Form davon ist das Artensterben. Jeden Tag sterben Tierarten aus. Es gibt Schätzungen, wonach es 130 pro Tag sind. Und Tausende andere, zum Teil auch solche Tiere, die wir als sehr sympathisch anschauen, sind vom Aussterben bedroht:

Denken wir an den Eisbären. Ihm schmilzt immer mehr der Boden unter den Füssen weg.
Oder denken wir an den Orang Utan. Gerade gestern habe ich gelesen, dass wegen dem Anbau von Palmöl, das immer mehr auch als Treibstoff verwendet wird, diese orange-farbenen Menschenaffen in Indonesien bald aussterben werden. Übrigens: Diese Tiere sind mit uns sehr verwandt. Das indonesische Wort Orang Utan bedeutet Waldmensch. (Und die Indonesier machen den Witz, die Orang Utans könnten eigentlich reden, aber dann müssten sie Steuern bezahlen.)
Und nur noch ein, höchst erstaunliches Beispiel: die Spatzen. Diese Überlebenskünstler werden kaum morgen schon aussterben. Aber nach neuesten Meldungen hat ihre Anzahl in der Ostschweiz um 40 Prozent abgenommen –wegen menschlichen Eingriffen in ihre Umwelt.

Im Gegensatz zu den Kriegen der heutigen Terroristen sind wir im Krieg gegen die Schöpfung nicht machtlos. Dazu nur zwei Gedanken.
1. Versuchen wir, in Harmonie, in Eintracht mit der Schöpfung zu leben. Franz von Assisi ist uns dabei ein überragendes Vorbild. Bereits 1979 hat Papst Johannes Paul II. ihn zum Patron des Umweltschutzes erklärt. Mit allen Geschöpfen hat er geredet. Mit allen war er per Du.
Tiere und Pflanzen waren in seinen Augen nicht blosse Ressourcen, die gebraucht und wenn nötig bedenkenlos verbraucht werden dürfen. Das reine Nützlichkeitsdenken war ihm fern. So wies er den Gärtner an, auf jeden Fall dem «Unkraut» in einer Ecke des Gartens Platz einzuräumen. Denn es hatte für ihn ebenso eine Lebensberechtigung wie die nützlichen Gewächse.
Seine «Naturmystik» verbindet Franz mit andern Kulturen und Religionen, etwa mit dem Buddhismus und Hinduismus. Diese kennen ebenfalls eine «kosmische Einheit» alles Seienden. Auch in der indianischen Spiritualität finden wir unzählige Parallelen zur franziskanischen Haltung. So sollen Eingriffe in die Natur auf das absolut Notwendige beschränkt bleiben. Wenn die Indianer im Interesse ihres eigenen Überlebens einer Pflanze oder einem Tier Gewalt antun müssen, bitten sie das Opfer um Vergebung. Nur wenn es nicht anders geht, dürfen Eingriffe in die Natur vorgenommen werden.
Kurz gesagt: Franz von Assisi hatte eine innige Verbindung zur ihn umgebenden Welt. Nach den Worten seines ersten Biographen erstreckte sich seine «Zartheit» bis hin zu den unansehnlichen Würmern.
Ich könnte noch stundenlang andere Beispiele anfügen, so etwa, wie er einen bösen Wolf gezähmt hat. Ich komme aber zum zweiten Aspekt, der mit dem ersten eng verbunden ist. Es ist die Frage: Wie kommen wir zu einer solchen freundschaftlichen Haltung zu unserer Mit-Welt? An einer europäischen Umweltkonferenz, an der ich vor Jahren teilnehmen durfte, haben wir die Antwort formuliert: Erst wenn wir die Schönheiten der Schöpfung erleben, sind wir fähig, zu ihr Sorge zu tragen.
Zum Glück leben wir hierzulande in einer Welt, die weitgehend geprägt ist von Schönheit: gerade hier und heute auf diesem einzigartigen Berg. Und wie vielleicht einige von Ihnen wissen, stehen wir in der so genannten Schöpfungszeit, welche die Kirchen in der Schweiz und anderswo für die Zeit zwischen dem 1. September und dem Fest des Franz von Assisi am 4. Oktober ausgerufen haben. Sie steht unter dem Motto: Gemeinsam daheim und lädt uns ein, uns mit den Lebewesen in unserem näherem Lebensraum zu befassen.
Die Schöpfungszeit will «die Aufmerksamkeit für alle Lebewesen um uns herum schärfen. Denn nur dann sind wir in der Lage, auf sie Rücksicht zu nehmen.»
 
Darum, liebe Gläubige, will ich unsern Gottesdienst nicht durch eine lange Predigt verlängern. Ich beende sie hier, damit Sie möglichst bald wieder draussen auf diesem Berg die Schönheiten der Schöpfung aufs Neue entdecken können.
(Nachbemerkung: Der Bezug von Franz von Assisi zur Schöpfung ist weiter ausgeführt in meinem Büchlein: «Franz von Assisi für Ungläubige». Zum Spezialpreis von Fr. 5.– erhältlich bei: wludin@bluewin.ch
 

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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