Das Kreuz mit dem Kreuz

 »Wer mir nachfolgen will, verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich.»
Das Kreuz auf sich nehmen – bevor wir uns mit dieser Einladung Jesu befassen, einige Worte zu einem aktuellen Problem, das man oft als «das Kreuz mit dem Kreuz» bezeichnet.
Vielfach ist damit der heftige Streit gemeint, ob man in öffentlichen Räumen wie etwa Schulzimmern Kreuze oder Kruzifixe aufhängen dürfe. (Ein Kruzifix ist bekanntlich ein Kreuz mit dem Gekreuzigten Jesus)  Es gibt da ja Gerichtsentscheide eines Verbotes, was sehr viel zu reden gab.
Wenn Sie meine Meinung dazu haben wollen: Wir dürfen die Sache nicht dramatisieren. Erinnern Sie sich vielleicht noch, ob Kreuze in den Schulzimmern ihrer Kindheit hingen? Es gab sie wohl. Aber wie eine kleine Umfrage in meinem Bekanntenkreis ergab, erinnert sich kaum mehr jemand daran. Die Kreuze waren also wohl kaum prägend für unsere Erziehung. Und trotzdem sind wir gute ChristInnen geworden.
Und eine zweite, etwas provozierende Feststellung: Bis fast vor 30 Jahren gab es in der Schweiz zahlreiche Prozesse gegen Militärdienstverweigerer. Wahrscheinlich fanden alle in Gerichtsgebäuden statt, in denen ein Kruzifix hing. Man stelle sich vor: Da sassen vielfach junge Männer, die wegen der Botschaft Jesu zur Gewaltfreiheit es nicht verantworten konnten, eine Waffe in die Hand zu nehmen. Und sie wurden zu teilweise recht hohen Gefängnisstrafen verurteilt – gewissermassen unter den Augen des gekreuzigten Jesus. Eine absurde Situation, die wiederum zeigt, wie wenig konkrete Folgen ein Kruzifix hat.
 
Ein Grund dafür ist wohl die Tatsache, dass wir uns allzu sehr an den Anblick des Gekreuzigten gewöhnt haben. Ein junger, nicht sehr gläubiger Mann war einmal zum Essen Gast im Speisesaal eines unserer Klöster. An der Wund hing ein Kruzifix, an dem sehr realistisch die Wunden Jesu zu sehen waren. Der junge Mann war zutiefst entsetzt und fragte: «Wir könnt ihr unter einem solch brutalen Bild gemütlich essen und trinken?»
L. verstehen Sie mich jetzt bitte nicht falsch. Die Erinnerung an das Kreuz gehört wesentlich zu unserem Glauben. Sie ist gerade auch in der franziskanischen Tradition wichtig. Mein Freund Leo Karrer hat aber in seinem neuesten Buch etwas sehr Entscheidendes in Erinnerung gerufen: Wir verehren das Kreuz nur dann richtig, wenn wir dabei Jesus Christus als den gekreuzigten verehren.
Und ebenso: Wir dürfen nicht beim Kreuz und dem Gekreuzigten stehen bleiben. Denn dieser ist auch und vor allem der Auferstandene. Wenn wir uns nur mit dem Kreuz befassen, befassen wir uns nur mit einem Teil unseres Glaubens; und nicht einmal mit dem Wichtigsten. Denn wie Paulus schon sagt: «Wäre Jesus nicht auferstanden, wäre unser Glaube nichtig.»
 
Wenn wir dafür ein Gespür haben, sehen wir, wie weit entfernt man von dieser Einsicht noch ist. Ich erzähle nur drei Fakten auf:

Bevor in Lateinamerika die Theologie der Befreiung sich ausbreitete, war vielfach nicht Ostern, sondern der Karfreitag das wichtigste Fest im Kirchenjahr.
Und etwas, was Sie mit eigenen Augen in den meisten Kirchen sehen können: Es gibt an den Wänden viele, oft sehr viele Kreuze (vor allem, wenn an der Wand ein Kreuzweg angebracht ist). Aber Bilder des Auferstandenen vermisst man in nicht wenigen Kirchen.
Auch in der traditionellen Frömmigkeits- und Erbauungsliteratur steht das Kreuz und nicht die Auferstehung im Vordergrund. Ein Bekannter von mir brachte es fertig, ein kleines Buch über das Kreuz zu schreiben und nur irgendwo nach Seite 50 mit einem oder zwei Sätzen die Auferstehung zu erwähnen.

 
 
 
L. Wie versprochen einige Worte zur Aufforderung Jesu:
«Wer mir nachfolgen will, verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich.»
Zuerst: Wie oft durchkreuzt das Leiden, das Kreuz unsere Pläne? Wir haben etwas vorgenommen und wir werden krank oder ein Verwandter, ein Freud stirbt: Und schon werden wir aus dem Gleis geworfen.
Wie reagieren wir darauf: Wir können uns bemitleiden. Oder wir können jemandem die Schuld für unser Unglück geben.
Beide Male werden wir gelähmt. Wir verbleiben in unserem Unglück. Oder wie es in einem Kirchenlied heisst:
Was hilft uns unser Weh und Ach? Was hilft es, dass wir alle Morgen Beseufzen unser Ungemach? Wir machen unser Kreuz und Leid Nur grösser durch die Traurigkeit.
 
Wie sieht die Alternative dazu aus? Eine Bekannte von mir, die schon viel Schweres erleben musste, erzählte mir: «Wenn wir das Leiden/unser Kreuz bewusst annehmen, wird es leichter. Wir werden befreiter.  Denn das Kämpfen gegen das Schicksal braucht Kraft. Besser ist es, uns zu ergeben, was jedoch nicht heisst, dass wir aufgeben.»
 
Meine Bekannte fügte hinzu: «Das Kreuz auf sich nehmen ist der erste Schritt zur Heilung.» Denn dann wären wir auch fähig, im Schweren das Positive zu erkennen. Und das meiste Leid hätte eine Kehrseite, ja sogar das Kreuz Jesu, das die Voraussetzung für die Auferstehung war.
In unserem Gespräch fiel auch das bekannte, etwas derbe Wort: «Was uns nicht umbringt, macht uns stark.» Das heisst vielleicht, dass wir lernen, geduldiger umzugehen mit leidenden Menschen.
Eine Schlussbemerkung: Das alles bedeutet bestimmt nicht, dass wir das Leiden suchen; oder sogar, dass wir andern Leid zufügen. Vielmehr gilt hier das Motto eines Hilfswerks: «Nehmt den Menschen vom Kreuz.»
(Predigt im Betagtenzentrum Wesemlin; in der Klosterkirche Wesemlin»

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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