Im Tod werden wir nicht ver-nichtet

(Predigt beim Trauergottesdienst meines Cousins Leo Wanner; Egolzwil, 8.8.14. 10 Uhr)
Ich möchte mit einem Erlebnis anfangen, das ich vor fast 50 Jahren hatte. Als Gymnasiast arbeitete ich in Arosa in einem Hotel, um mein Taschengeld aufzubessern. Im ersten Jahr war eine Familie unter den Gästen, eine Familie mit einer sehr netten Grossmutter (die Deutschen würden sagen mit einer süssen Oma). Im zweiten Jahr kam die Familie ohne das Grosi. Als ich mich nach ihr erkundigte, hiess es: «Oma ist nicht mehr.»
«Oma ist nicht mehr.» Dieser Satz war wie ein Stich in mein Herz. Ich hatte die alte Dame nur ein paar Tage gesehen. Trotzdem wurde ich traurig: Dieser liebe Menschen sei nicht mehr; er sei vernichtet …
In der Bibel lesen wir es anders: Der Apostel Paulus hat uns aufgefordert, nicht so zu trauern wie jene, die keine Hoffnung haben. Ja, uns, liebe Gläubige, wurde eine Hoffnung geschenkt: die Hoffnung, dass der Tod nicht das endgültige Aus bedeutet.
Ich weiss, die Überzeugung, dass unsere lieben Mitmenschen im Tod nicht vernichtet werden, ist heutzutage in unserer Kultur nicht mehr selbstverständlich. Anders ist es zum Beispiel in Afrika. Auch dazu eine persönliche Erinnerung.
Auf einer Afrika-Reise wohnte ich eine Woche bei Nyeme Tese, dem Leiter der theologischen Hochschule Kinshasa im damaligen Zaire, der heutigen demokratischen Republik Kongo. Als wir eines Abends in einem Gartenrestaurant ein Bier tranken, staunte ich, dass er zuerst ein paar Tropfen auf den Boden goss. Er sagte allen Ernstes, das sie für die Ahnen. So selbstverständlich ist in Afrika der Glaube an das Leben nach dem Tod und an die Verbindung mit den Vorfahren.
Übrigens: Bei den Tropfen Bier musste ich an unseren Brauch denken, beim Gräberbesuch Weihwasser zu spritzen.
Kommen wir zurück in die Schweiz, nach Egolzwil. Einige Jahre später lud ich den erwähnten afrikanischen Freund ein, an einem Bildungstag in Dulliken ein Referat zu halten. Als wir miteinander im Zug von Luzern nach Olten fuhren, zeigte ich auf diese Kirche hier und sagte, indem ich einen afrikanischen Begriff aufnahm: «Dort sind meine Ahnen begraben.» Nyeme klopfte mir auf die Schultern und meinte: «Walter, c’est très important. – Das ist sehr wichtig.»
 Weil die Verbundenheit mit unseren lieben Verstorbenen sehr wichtig ist, sind wir hier, um Abschied von Leo Wanner zu nehmen. Wir glauben, dass er nicht vernichtet ist, sondern in den Wohnungen Gottes einen Platz gefunden hat: seinen Platz. Einen Ort, wo nicht nichts ist; wo aber seine Beschwerden und seine Mühsal nicht mehr vorhanden sind.
 Beim Eintritt in sein Leben wurde er, wie es in der Bibel heisst, bei seinem Namen gerufen. Er wurde nicht, wie die Existentialisten in den 50er-Jahren meinten, ins Nichts geworfen. Gott hat ihn als sein Kind willkommen geheissen, ganz besonders in der Taufe.
Und jetzt, bei seinem Tod, hat Gott, sein Sohn Jesus Christus, an den er glaubte, sie haben ihn in den himmlischen Wohnungen willkommen geheissen. So wie es in der Rede Jesu vom Jüngsten Gericht heisst: «Kommt her, ihr Gesegneten meines Vaters, ihr werdet in den Wohnungen leben, die von Ewigkeit her für euch vorbereitet sind.
Darum, liebe Gläubige, beim Abschied von Leo müssen wir nicht trauern wie jene, die ohne Hoffnung sind. Und ich lade Euch in, in dieser Eucharistie Gott zu danken für die Hoffnung, die er uns durch Jesus Christus geschenkt hat.
 

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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