Israel und die Doppelmoral betr. Menschenrechte. Besonnene Stimme eines Israelis

Nochmals eine besonnene kritische Stimme aus Israel – obwohl ich weiss, dass die hiesigen Freunde Israels die dortige Situation viel besser einschätzen können ….
Von Yonatan Gher, geschäftsführender Direktor von Amnesty International Israel
Seit Beginn des Konflikts sind mehr als 1800 PalästinenserInnen sowie 64 israelische Soldatinnen und Soldaten und drei Zivilpersonen in Israel ums Leben gekommen. Jedes einzelne dieser verlorenen Menschenleben ist eine Tragödie – egal ob Kinder, Babies, alte Menschen, Frauen oder Männer, egal ob in Gaza oder in Israel. Im öffentlichen Diskurs in Israel wird gerne relativiert: Wenn man unbedingt um die getöteten Menschen im Gazastreifen trauern muss, dann sollte man zumindest nicht ganz so sehr um sie trauern wie um getötete Israelis. Und auf jeden Fall muss auch dazugesagt werden, dass es die Schuld der Hamas ist. Wer einfach nur traurig ist, mit dem stimmt etwas nicht, dem sind die anderen wichtiger als die eigenen Landsleute. Der ist ein Verräter.
Ich weigere mich, dabei mitzumachen, denn für mich ist jedes Leben kostbar, ohne Relativierung, ohne Kontext und ohne Rechtfertigung. Hier empfinde ich den Menschenrechtsdiskurs als grosse Stütze. Die Menschenrechte sind ein Rechtsrahmen, basieren aber gleichzeitig auf einem gemeinsamen Moralkodex, auf den sich die Nationen dieser Welt berufen. Uns, den Bewohnerinnen und Bewohnern Israels, sollten die Menschenrechte eigentlich ganz besonders am Herzen liegen: Sie wurden nach dem Zweiten Weltkrieg verankert mit dem Ziel, dass sich die Geschichte in dieser Hinsicht niemals wiederholen solle. (…)
Israel hat die Schaffung von Menschenrechtsinstrumenten immer unterstützt. So hat Israel in den 1950er-Jahren aktiv an der Genfer Flüchtlingskonvention mitgearbeitet und gute erste Ansätze bezüglich des im letzten Jahr verabschiedeten Internationalen Waffenhandelsvertrags gezeigt.
Wie wir jedoch immer und immer wieder gesehen haben, herrscht in Israel eine Doppelmoral: Für den Rest der Welt gilt eine Regel, für Israel eine andere. Handlungsweisen, die bei anderen Ländern klar als Menschenrechtsverletzungen anzusehen sind, sind in Israel aus ‹politischen Gründen’ gerechtfertigt. Kritisiert man diese Handlungen, muss man sich vorwerfen lassen, ‹den Kontext nicht berücksichtigt’ zu haben, oder man wird gleich des ‹Antisemitismus’ bezichtigt. (…)
Mir scheint, die letzte Schutzlinie für Kinder im Gazastreifen, für mein Kind, für alle Zivilpersonen auf beiden Seiten des Konflikts ist die Achtung der Menschenrechte. Ich hoffe von ganzem Herzen, dass noch mehr Menschen auf der ganzen Welt aktiv werden. Dass sie die Kriegsparteien auffordern, nicht länger die Zivilbevölkerung ins Visier zu nehmen, und ihre eigenen Länder anhalten, den Internationalen Strafgerichtshof einzuschalten und ein Waffenembargo zu verhängen. Damit wir alle sicher sind.
 

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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