Der Schweizer Katholizismus zu Konzilsbeginn, Teil 2:In der Schweiz hat die Ankündigung eines Ökumenischen Konzils in der Öffentlichkeit eine grosse Aufmerksamkeit gefunden und entsprechende Erwartungen geweckt. Im Schweizer Katholizismus zeigten sich am Vorabend des Konzils keine besonderen Krisen; es war aber auch keine Aufbruchstimmung zu spüren. Das hatte wesentlich damit zu tun, dass das Katholisch-Sein damals die fraglose Zugehörigkeit zum katholischen Volksteil bedeutete.Im Bericht «Klerus und Laien» ist die Situation anschaulich beschrieben: «Der katholische Volksteil erneuert sich volksmässig, durch Geburt und Hineinwachsen in eine Tradition […] Der Einzelne erwirbt also den Glauben durch Vermittlung der Familie und mit Hilfe der gesellschaftlichen Beziehungen, welche die Familie vermittelt (Religionsunterricht, katholische Lehranstalten und Vereine). Die Zugehörigkeit zum katholischen Volksteil geht der individuellen Glaubensentscheidung voraus. Man wird Katholik von aussen nach innen, dank gesellschaftlicher Bindungen (menschlich gesprochen)» (22). Katholisch-Sein wurde mehr von der Zugehörigkeit zum katholischen Teil des Volkes bestimmt als von der Zugehörigkeit zu einer Religions- bzw. Glaubensgemeinschaft. Katholisch-Sein war «ein gesellschaftlicher Status, […] eine von den Betreffenden selbst gefühlte und auch von den Aussenstehenden beachtete Zugehörigkeit zu einer gesellschaftlichen Gruppe» (18).In dieser Situation war die religiöse Erziehung von zentraler Bedeutung. Diese habe ihr Ziel selten ganz erreicht, heisst es im Bericht, so dass der Klerus «meistens geistig ‹unentwickelte› oder ‹unterentwickelte› Gläubige vor sich» (23) hatte. Anderseits liefe der Klerus Gefahr, und er erliege ihr auch mehr oder weniger stark, die Laien zu mehr Disziplin statt zur Selbständigkeit zu erziehen. Selbständigkeit gewinne aber an Bedeutung; einerseits werde das Selbständigkeitsgefühl der Jugend immer stärker und anderseits breite sich die Erwachsenenbildung ständig aus.Weil der Schweizer Katholizismus in diesem Sinn ein «Volkskatholizismus» war, musste er in der Nach-68er-Zeit in eine Krise geraten, als viele Selbstverständlichkeiten ihre Überzeugungskraft verloren und dann eben nicht mehr selbstverständlich waren.(Rolf Weibel / Bericht der Kommission «Klerus und Laien» vom 19. Mai 1957)
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