(Vorbemerkung für eifrige Blogleser: Vielleicht haben Sie den einen oder andern Satz auch schon in einer andern Predigt von mir gelesen. Auch ich bin nicht immer originell. Aber sicher finden Sie hier auch Neues …)
Wenden wir uns nun einige Augenblicke dem heutigen Evangelium zu: der Geschichte von der wunderbaren Brotvermehrung. Vielleicht haben Sie eine neuere Deutung dieses Geschehens auch schon gehört: Sie geht nicht von einer mirakulösen Handlung aus. Oder banal ausgedrückt: Jesus zaubert nicht. Er ermutigt die Anwesenden, den Proviant, den sie unter ihren Gewändern tragen, miteinander zu teilen.
Vielleicht enttäuscht Sie diese Deutung. Sie fragen sich: Wo bleibt da das Wunder?
Aber stellen wir uns vor: Es gelingt heutzutage jemandem, die Menschheit dazu zu bringen, ihre Schätze nicht für sich zu behalten, sondern sie dafür zu verwenden, dass es keine Hungernden mehr gibt: Wäre dies nicht ein Wunder? Ein sehr grosses sogar.
Vielleicht kennen Sie das Kirchenlied: «Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt.» In der 3. Strophe heisst es: «Wir teilen, was wir haben, wir bringen unsre Gaben.»
Tun wir dies? Ich weiss, dass in unsrer Kirche viel, sehr viel Gutes geschieht. Es wird auch sehr viel gespendet. Daraus kann Grosses, Beeindruckendes entstehen: Ein Beispiel dafür ist das, was die Schwestern von Maua in vielen Gegenden Tansanias aufbauen konnten, zum Wohl der Bevölkerung. Ohne die Grosszügigkeit so vieler Menschen, auch aus unserer direkten Umgebung – der Pfarrei Würzenbach – wäre dies nicht möglich.
Vielleicht müssten wir noch einen Schritt weitergehen: Von Bischof Helder Camara stammt das berühmte Wort: «Wenn ich einem Hungrigen zu essen gebe, gelte ich als Heiliger. Wenn ich aber frage, warum er hungert, gelte ich als Kommunist.»
Konkreter: Es gilt, auch zu fragen, woher der Hunger stammt in einer Welt, die ohne weiteres etwa vier Milliarden zusätzlicher Menschen ernähren könnte. Eine Antwort lautet: Wegen den Spekulationen auf den Finanzmärkten sind die Lebensmittelpreise gestiegen; vor einigen Jahren in den Ländern des Südens innerhalb weniger Wochen um fast die Hälfte. Entsprechend schnellte auch die Zahl der Hungernden in die Höhe. Bei diesem tödlichen Spiel der Lebensmittel-Spekulation machen auch einige Schweizer Banken mit. Vielleicht auch jene, die unsere Pensionskassen-Gelder verwalten. Eine Nachfrage könnte sich lohnen.
In der Kirche der Benediktiner in Tabgha am Nordufer des Sees Genezareth findet sich das berühmte byzantinische Mosaik von der Brotvermehrung, die der Überlieferung nach dort stattgefunden hat. Als ich vor etlichen Jahren für einige Tage Gast war, fehlte im Kloster ein Priester. Ich wurde eingeladen, in dieser Kirche die Messe zu feiern; ausgerechnet am Tag, an dem das heutige Evangelium auf dem Leseplan stand. Es war für mich ein eindrückliches Erlebnis.
Aber ich muss gestehen: Ich hatte das Mosaik, das über 1500 Jahre alt ist, nicht ganz genau angeschaut. Es ist mir nicht aufgefallen, dass neben zwei Fischen nur vier Brote dargestellt sind – und nicht fünf, wie in der Erzählung des Evangeliums. Den Hinweis darauf und die Erklärung fand ich erst bei der Vorbereitung dieser Predigt. Nämlich: Das fünfte Brot liegt in jeder Eucharistie auf dem Altar.
Ich möchte zum Schluss kommen und nicht lange Erklärungen dafür anfügen. Nur den einen, Ihnen wohl bekannte Satz: Wir sind eingeladen, nicht nur die Hostie, sondern auch das Brot miteinander zu teilen.
Kloster Gerlisberg, Luzern, 17 Uhr (seit heute findet der Sonntagsgottesdienst um diese Zeit statt um 10 Uhr statt)
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.blogs-kath.ch/brotvermehrung-und-lebensmittel-spekulation/