«90 Prozent aller Gemeinden in Amazonien haben sonntags keine Eucharistiefeier. 70 Prozent haben zwei bis drei Mal im Jahr eine Eucharistiefeier, ansonsten wird ein Wortgottesdienst gefeiert.» Dies sagte mein Freund Erwin Kräutler, Bischof im Amazons-Gebiet in einem Interview mit der «Presse». Er gibt seiner Hoffnung Ausdruck, dass Papst Franziskus bereit ist, das Zölibatsgesetz zu ändern.
Das Zweite Vatikanische Konzil spricht von der Eucharistiefeier als Quelle und Höhepunkt christlichen Lebens. Hinter dieser Vorgabe bleibt die von Ihnen geschilderte Praxis aber weit zurück.
Absolut. Gott ist auch in seinem Wort gegenwärtig, aber der Wortgottesdienst ist nur ein Teil der Eucharistiefeier. In den meisten Gemeinden fehlt leider der zweite Teil, das ist das grösste Problem.
Es gibt für Katholiken auch ein Recht auf die Eucharistie. Wie löst man
dieses Problem?
Ja, man hat ein Recht darauf. Das ist nicht ein Privileg.
Müsste man die Zugangsregeln ändern?
Genau, das habe ich dem Papst auch gesagt. Der Papst ist sehr offen. Er wird nicht von heute auf morgen ein Rezept haben. Aber der Papst hat mir wortwörtlich gesagt: Die Bischöfe, die regionalen Bischofskonferenzen sollen mutige, couragierte Vorschläge machen.
Wie man die Zugangsregeln für das Priesteramt lockert?
Welche Möglichkeiten es gibt. Zölibat muss nicht unbedingt Pflicht für die Eucharistiefeier sein. Zölibat bedeutet, dass ein Mann oder eine Frau sich verpflichtet, ehelos zu leben. Wenn ich überlege, was ich erlebt habe: Hätte ich mir das leisten können, wenn ich Frau und Kinder hätte? Wäre dann nicht meine erste Aufgabe, für die Frau und die Kinder da zu sein und nicht mein Leben zu riskieren? Ein Vorschlag wird sein, dass man Zölibat und Eucharistiefeier entkoppelt. Dass die Eucharistiefeier von einem zölibatären Priester abhängig gemacht wird, da mache ich nicht mit.
Sie müssen doch mitmachen.
Das hat sich insoweit geändert, als wir dem Papst Vorschläge machen können. Mein Besuch beim Papst war aussergewöhnlich, ich war in Privataudienz bei ihm (Anfang April dieses Jahres; Anm.). Ich habe der Bischofskonferenz (Brasiliens; Anm.) berichtet. Höchstwahrscheinlich wird eine Kommission gegründet, die den Ball auffängt und berät: Wie können wir dem Papst helfen. Er fordert von uns Vorschläge, er will sie.
Rechnen Sie damit, dass Franziskus derartige Reformen umsetzt?
Ich hoffe es. Dieser Prozess war bisher nicht erlaubt. Benedikt XVI. hat gesagt, wir beten um Priesterberufungen. Bei diesem Papst ist es anders. Er will einen Prozess in Gang bringen. Das ist das Neue. Da gib es Türen, die sich öffnen.
Zur Priesterweihe für Frauen hat Franziskus gemeint: Diese Tür ist
geschlossen.
Solange eine Tür da ist… Die Tür ist nicht vermauert. Dass unter diesem Papst die Frauenordination kommt, das denke ich nicht.
Sollte die Tür geöffnet werden?
Ja, aber ich will da nicht vorgreifen.
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.blogs-kath.ch/wird-der-papst-das-zoelibatsgesetz-aendern-bischof-kraeutler-hofft-es/