Der kritische Blick eines 80-Jährigen (Adolf Muschg)

Er ist wohl neben Dürrenmatt und Frisch der grösste Schweizer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts: Adolf Muschg, der 80 geworden ist. Hier einige Abschnitte aus seiner Zeitanalyse aus einem Interview.
Sie leben seit 80 Jahren und schauen mit genauem Blick auf die Welt, in der wir leben. Was fällt Ihnen auf?
Muschg: Ich habe mit 80 Jahren mehr Wandlungen der Produktionsverhältnisse gesehen als die Menschen in 400 Jahren zuvor. Im Grunde hat meine Grossmutter unsern mittelalterlichen Ahnen ähnlicher gelebt als ich meinen Kindern. Diese Entwicklung ist schwindelerregend. Aber zugleich unterscheiden sich die Gefühle, mit denen wir ihr beizukommen versuchen, sehr wenig von denjenigen der Höhlenbewohner. Hordenverhalten, Revierverteidigung, Abgrenzungsreflexe, unser Gefühlshaushalt ist archaisch geblieben, er behandelt die komplexen Verhältnisse, die unser Grosshirn hergestellt hat, mit Rezepten, die sich in einer millionenjährigen Stammesgeschichte bildeten. Sie haben auch über die «Masseneinwanderungs-Initiative» entschieden.
Dass Sie solche Positionen vertreten, macht Sie zum Linksintellektuellen.
Muschg: Aber ich laufe keinem sogenannten Fortschritt mehr nach. Wenn ich mir selbst einen Stempel verpassen müsste, stünde vielleicht «linkskonservativ» darauf. «Links», weil dort das Gerechtigkeitsbedürfnis sitzt.
Warum konservativ?
Muschg: Weil unsere Ressourcen beschränkt sind, nicht nur an Boden und Wasser, auch an Zeit und Phantasie. Wir müssen ihnen Sorge tragen. Heute sitzen die Umstürzler und Anarchisten in den Chefetagen internationaler Konzerne: sie sind es, die keine Grenzen des Wachstums kennen und aus Staaten Gurkensalat machen.
Wie meinen Sie das?
Muschg: Der Börsencomputer, der im Millisekundentakt kauft und verkauft, schafft keine Werte, er pulverisiert sie. Der einzige Imperativ, den er kennt, ist mehr, mehr, mehr. Da haben wir wieder die Schizophrenie der galoppierenden Moderne: sie versteht eine fortgeschrittene Technologie in den Dienst räuberischen Schwachsinns zu stellen und diesen auch noch als Sachzwang zu verkaufen. Ein neuer Absolutismus – der «ökonomische» – hat eine ganze Generation angepasster Untertanen erzeugt und sie zu Geiseln seiner Unreife gemacht.
Sie treten für eine Schweiz als EU-Mitglied ein, das ist zurzeit wenig populär.
Muschg: Aber wir liegen doch mitten in Europa. Auf die Dauer kümmern sich Tatsachen nicht um ihre Popularität. Im übrigen: die Schweiz hat sich im 19. Jahrhundert ganz ähnlich zusammengerauft wie Europa in den vergangenen Jahrzehnten. Die beiden Föderationen hätten einander viel zu sagen.
 

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.blogs-kath.ch/der-kritische-blick-eines-80-jaehrigen-adolf-muschg/