Ein Toter, der plötzlich vor uns steht, schreckt. Noch schrecklicher ist die Gedanke, beim Tod werde der Mensch für immer vernichtet.
Sicher, Ostern ist ein fröhliches Fest. Dies zeigt sich schon äusserlich. Bunt sind die Osterhasen. Immer bunter werden die Wiesen und Gärten. Mit der erwachenden Natur erwachen in den meisten Menschen wieder neue Lebensgeister.
Dies ist die eine Seite des Festes. Die andere zeigt sich in der Bibel. Sicher, auch da erklingt ein froher Grundton; etwa, wenn Paulus geradezu triumphierend ausruft: «Tod, wo ist dein Stachel? Tod wo ist dein Sieg?»
Doch wenn wir die österlichen Texte in den Evangelien lesen, stolpern wir über das Wort «erschrecken». Die Jüngerinnen (auch diese gab es!) und Jünger erschraken, als sie Jesus als Auferstandenen sahen. Dies ist verständlich, wie uns eine Episode aus einem Alters- und Pflegeheim veranschaulicht. Es gab dort wie schon oft Alarm. Die zuständige Pflegerin schaut auf den Piepser, der ihr anzeigt, in welchem Zimmer um Hilfe gebeten wurde. Sie erblasst, als sie sieht: Der Alarm kommt aus dem Aufbahrungsraum. Ihr erster Gedanke: «Ist der Tote, der dort liegt, wieder lebendig geworden?» Mit leicht zitternden Knien geht sie in den Raum. Erleichtert stellt sie fest: «Selbstverständlich» ist der Tote immer noch tot.
Doch für die Freunde Jesu war plötzlich diese «Selbstverständlichkeit» nicht mehr da. Denn Jesus begegnet ihnen, als Lebendiger, Auferstandener. Und gerade darum erschraken sie heftig. Erst allmählich ging ihnen auf, dass es anders war als «normal». Denn zur Normalität gehört, dass die Körper im Grab verwesen. Doch das Grab Jesu war auf einmal leer. Und Jesus steht mitten in der Schar seiner Freunde, die zuerst meinen, es sei ein Gespenst. Solchen zu begegnen, ist ja nicht unbedingt gemütlich, wie uns viele Filme und Romane anschaulich zeigen.
Ungemütlich war schliesslich auch für die Jünger die Begegnung mit dem Auferstandenen, gerade weil er eben kein Gespenst war. Dies zeigt besonders deutlich die Geschichte der Jünger von Emmaus. Am Abend des Ostertages gehen sie enttäuscht von Jerusalem in ihr Heimatdorf. Sie sind deprimiert. Man kann auch sagen, dass sie Selbstmitleid haben. Aus eigener Erfahrung oder aus der Beobachtung von jammernden Mitmenschen wissen wir: Selbstmitleid wird oft nicht als negativ empfunden. Das Gefühl «Was bin ich doch für ein Armer» kann einem schön gut tun. Seien wir ehrlich: Mitleid mit sich selber haben ist meistens bequemer als die Situation zu ändern, die uns bedrückt.
Gerade dies erwartet Jesus von den Emmaus-Jüngern. Er belehrt sie über den Sinn der biblischen Verheissungen, so dass die beiden Männer umdenken müssen. Und bekanntlich kann Denken, vor allem ein neues Denken, weh tun. Zum neuen Denken gehört auch, was wir bereits von Paulus gehört haben: Der Tod ist besiegt. Das ist doch etwas völlig anderes, als der Münchner Komiker Karl Valentin in seinen Spekulationen über das Jenseits geschrieben hat: «Wenn der Mensch gestorben ist, ist er tot – das ist sicher, also todsicher, wie man so sagt.»
Wer sich im Denken unserer Zeitgenossen einigermassen auskennt, muss feststellen: Die Auffassung «tot ist tot» ist heute weit verbreitet. Es gibt Statistiken, die besagen, dass heute 50 Prozent oder noch deutlich mehr nicht an ein «ewiges Leben» glauben. Wenn wir Bekannte nach ihren betagten Verwandten fragen, tönt es etwas so: «Mama ist nicht mehr.» Eigentlich ein schrecklicher Gedanke, dass ein Mensch «nicht mehr ist, also ver-nicht-et wurde.
Zurück zum Anfang: Ostern ist ein Fest des Erschreckens, die Geschichte von aufgeschreckten Jüngern. Aber noch schrecklicher als ihr Schreck ist die Vorstellung, der wir soeben begegnet sind: Die Überzeugung, dass ein Mensch von einem Augenblick zum andern einfach so verschwindet. Da kommt nun – wie ein beliebt gewordener Ausdruck lautet – «der Glaube ins Spiel». Die Hoffnung, dass zwar das Leben im Jenseits nicht genau so weitergeht wie im Diesseits. Dann wäre die Ewigkeit wirklich langweilig, «vor allem gegen ihr Ende», wie der Komiker Woody Allen spöttisch vermerkt. Die christliche Botschaft von der Auferstehung besagt vielmehr, dass auf uns Menschen eine «Glückseligkeit ohne Ende» wartet. Dies ist das Geschenk von Ostern. Noch beglückender als alle noch so bunten Ostereier …
Aber Halt: Ostern hat nicht nur mit dem Jenseits zu tun. Der österliche Artikel einer Kirchenzeitung war mit dem Satz überschrieben: «Es ist falsch, die Auferstehung erst im Tod zu suchen.» Oder wie ein humoristisch gemeinter Spruch besagte: «Es gibt ein Leben vor dem Tod.» Gerade mit diesem irdischen Leben hat der christliche Glaube sehr viel zu tun. Gott will nicht, dass die Erde ein Jammertal sei, auch wenn die Prediger während Jahrhunderten von diesem Elend genussvoll gesprochen haben. Sie vergassen dabei die Bitte, die Jesus seiner Kirche in seinem berühmten Gebet hinterlassen hat: «Dein Reich komme.» Oder noch deutlicher in der früheren Übersetzung: «Zu uns komme dein Reich.»
Dieses Reich ist nicht ein Reich des Todes. Es ist – mit einer abgegriffenen Formel ausgedrückt – ein «Reich des Friedens und der Gerechtigkeit». Dies tönt verheissungsvoll, ist aber auch anspruchsvoll. Es ist verhältnismässig einfach, voller Selbstmitleid zu jammern: «Kriege hat es immer gegeben. Kriege wird es immer geben.» Weniger bequem ist es, an die österliche Verheissung zu glauben, dass Gott eine friedlichere, gerechtere Welt will und uns auch die Chance gibt, in ihrem Aufbau mitzuarbeiten. Es lohnt sich, diese österliche Chance wahrzunehmen.
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant