Blindheit wird definiert als «Augenkrankheit, die kein Licht zulässt und beim Blinden alles rundherum verdunkelt.» Daneben gibt es die Blindheit in einem übertragenen Sinn. Eine Blindheit, unter der wir alle mehr oder weniger leiden. Ich definiere sie als die Unfähigkeit, unsere Mitmenschen und die Welt so zu sehen, wie sie sind. Darum können wir sagen: Wir alle sind blind. Was heisst das?
Es bedeutet einmal ganz banal und einfach, dass wir viele alltägliche Dinge übersehen. In unserem Kloster in Solothurn hatten wir auf dem Gang, eine Franziskus-Statue, an der wir alle während Jahren täglich vorbei gingen. Franziskus schaute ganz offensichtlich nach rechts. Einmal leistete sich jemand den Spass und fragte, wohin Franziskus blicke. Die meisten wussten es nicht. Sie schauten die Statue gar nicht mehr richtig an. Vielleicht können Sie das Spiel mal zuhause machen und einander nach Dingen fragen, die jeden Tag vor ihren Augen sind, ohne dass sie sie bewusst sehen.
Sicher, dies ist eine harmlose Form von Blindheit. Eine schlimmere ist die Unfähigkeit, unsere Mitmenschen richtig wahrzunehmen. Sie hat viele Formen:
Kürzlich sagte eine Putzfrau: «Sobald man einen Putzlappen in der Hand hat, schauen einem die Leute nicht mehr an.» Das heisst: Man ist unwichtig und wird nicht mehr als Mensch wahrgenommen.
Die Leute befassen sich lieber mit Mächtigen und Schönen. Diese stehen im Mittelpunkt des Interesses, zum Beispiel im Fernsehen. Ist ein Mann oder eine Frau schön, schauen Hunderttausende hin, auch wenn diese Person kaum etwas geleistet hat und wenig zu sagen hat.
Ein anderes Beispiel: Haben wir ein Auge für die Mitmenschen, mit denen wir Tag für Tag zusammenleben? Menschen, die einen Suizid-Versuch überlebten, werden oft gefragt: «Warum hast du uns nicht gesagt, dass es dir so schlecht geht?» Diese Menschen haben oft die Kraft nicht mehr, sich zu äussern. Wenn ihre Mitmenschen aber offene Augen hätten, würden sie vielleichtspüren, wie schlecht es den andern geht. Ich sage bewusst «vielleicht». Den manche können ihren schlimmen Zustand gekonnt überspielen. Aber im Allgemeinen ist es doch so, dass wir sehr oft keine offenen Augen füreinander haben und nicht sehen wie es den andern geht. Oft fehlt uns das, was Papst Franziskus «aufmerksame Zuwendung zum andern» nennt.
Ja, wissen wir, wie es den andern geht, weil wir für sie offene Augen haben?
Eine dritte und letzte Blindheit: die Unfähigkeit, die Ungerechtigkeiten auf der Welt wahrzunehmen; vor allem auch jene, an denen wir selber beteiligt sind. Auch in diesem Jahr will das Fastenopfer uns von dieser Blindheit heilen. Und zwar am Beispiel von Blue-Jeans und andern Textilien. Das Hilfswerk lädt uns ein, hinzuschauen und zu sehen, warum viele Kleider, die wir kaufen, so spottbillig sind. Nämlich wegen den Hungerlöhnen, welche die Textilarbeiterinnen in Bangladesch und anderswo bekommen.
Ich muss dies hier nicht weiter erklären. Es gibt wohl keine christliche Zeitschrift, die in diesen Wochen das Thema nicht behandelt. (…)
Inwil LU, So 9.30 Uhr
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant