Wie Papsttreue Papstkritiker werden

Seltsam: Leute, für die jedes kritische Wort an einem amtierenden Papst ein schlimmes Sakrileg war, kritisieren die Päpste, sobald sie nicht mehr im Amt sind:
Ø  Wer Johannes Paul II. als tadellos verehrt hatte, bemerkte kritisch, dass er zu viel auf Reisen war und sich zu wenig um die Kurie gekümmert habe, so dass dort viele kleine «Päpste» das grosse Sagen hatten.
Ø  Wer von Benedikt XVI. und seiner hohen Theologie schwärmte, entdeckte plötzlich, dass er oft über die Köpfe der Menschen hinweg seine schönen Theorien entwickelte.
Wie der Historiker Andrea Riccardo neulich feststellte, ist  jedoch heute ein neues Phänomen zu beobachten: die Vorstellung, der gute Papst sei immer der vorherige gewesen. Dies ist eine Anspielung an die konservativen Kritiker von Papst Franziskus. Kein Papst des 20. Jahrhundert sei auf so viel innerkirchlichen Widerstand gestossen wie Franziskus. Er geniesse zwar hohe Sympathie in der katholischen Bevölkerung, finde aber Vorbehalte unter den Bischöfen und Priestern, erklärte der Gründer der katholischen Gemeinschaft Sant’Egidio im Interview mit dem Online-Dienst «Vatican insider».
Die Kritik komme insbesondere von Personen und aus Kreisen, die nichts ändern und die sich selbst nicht zur Diskussion stellen wollten. Natürlich könne man das nicht generalisieren; auch Franziskus finde unter Klerikern viel Enthusiasmus, so Riccardi.
Kritik in traditionalistischen Blogs und Internet-Portals

Die Kritik an Papst Franziskus wird nach Ansicht von Ricardi insbesondere über traditionalistische Blogs und Internet-Portals befeuert. Sie äussere sich mitunter öffentlich, mitunter in Murren oder im Schweigen oder im Sich-Abkoppeln. Auffallend sei, dass Kritik auch gerade aus Kreisen komme, die bislang immer nachdrücklich die Autorität des Papstes und den Gehorsam gegenüber dem Papst angemahnt hätten, so Riccardi. «Es ist merkwürdig, dass für einige offenbar gilt: wenn der Papst nicht so ist, wie ich meine, und nicht tut, was ich sage, ist er nur ein halber Papst». —

Ich könnte hinzufügen, dass ich es schon immer gesagt habe: Die «Papsttreuen» sind dem Papst so lange treu, wie er ihre eigenen (konservativen bis reaktionären) Ansichten teilt.

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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