Marx (jener von München, der Kardinal), der Papst und der Kapitalismus

In einem Gespräch mit der linken Berliner Tageszeitung/taz äussert Kardinal Marx Bedenkenswertes – das zum Teil sicher auch zum Widerspruch reizt. Diesen überlasse ich meinen Kommentatoren. Im Voraus vielen Dank.
Der Papst interpretiert Sünde auch ökonomisch. Er sagt: «Diese Wirtschaft tötet.»
Die katholische Soziallehre war schon immer antikapitalistisch. Als junger Kaplan habe ich im Religionsunterricht manchmal Texte aus der Enzyklika «Rerum Novarum» lesen lassen. Da sagten manche: Das ist von Karl Marx. Der Papst ist ja nicht der einzige Kritiker des ungezügelten Kapitalismus. Auch die Weltbank hat gesagt, die Finanzkrise werde dazu führen, dass Menschen sterben. Eine Wirtschaft, die allein auf Kapitalverwertungsinteressen aus ist, kann sittlich nicht gut sein.
Ist es nicht naiv, den Märkten mit Moral zu kommen?
Die Kritiker sagen: Was will der Papst? Die Marktwirtschaft hat doch dazu geführt, dass weniger Menschen hungern. Stimmt. Aber Kapitalismus ist nicht dasselbe wie Marktwirtschaft. Vor ein paar Jahren war ich in Chicago beim Wirtschaftsnobelpreisträger Robert E. Lucas. Ich habe ihn gefragt: «Was ist mit den Folgeschäden der Finanzkrise?» Er wies auf Grafiken, die seit 1850 weltweit steigenden Wohlstand zeigten. «Wo ist das Problem?», fragte er mich.
Wo ist das Problem?
Das ist der pure Utilitarismus. Das grösste Glück der grössten Zahl. Es kann nicht die moralische Legitimation unseres Wirtschaftssystems sein, dass wir Tod und Elend für einen höheren Lebensstandard in Kauf nehmen. Millionen von rechtlosen Wanderarbeitern für das Wachstum in China? Das ist keine akzeptable Perspektive.
Wie sieht die Alternative des Papstes aus? Er könnte höhere Steuern fordern, aber er redet den Reichen nur ins Gewissen.
Das Schreiben des Papstes ist zwar zunächst ein seelsorgerlicher Text, aber der Papst sagt klar, dass sich strukturell etwas ändern muss. Es kann doch nicht sein, dass einige wenige auf Kosten vieler anderer zunächst möglichst viel Geld verdienen, um dann einen geringen Teil davon an Arme zu verteilen. Das ist keine nachhaltige und gerechte Lösung. Die katholische Soziallehre liefert seit 150 Jahren Grundprinzipien, die der Sozialen Marktwirtschaft sehr ähnlich sind. Ungezügelter Kapitalismus führt in die Irre. Dann haben die Kapitalinteressen Vorrang vor den Bedürfnissen der Menschen.
Was sind die Konsequenzen für Deutschland? Der Mindestlohn?
Oberstes Ziel sind Löhne, von denen man leben und nicht nur überleben kann. Und dass jeder Einzelne immer wieder eine Chance zur Teilnahme erhält. Wir Bischöfe haben das «dynamische Chancengerechtigkeit» genannt. Der Mindestlohn wird Altersarmut nicht verhindern. Er kann hilfreich sein, darf aber die Tarifautonomie nicht aushebeln. Es ärgert mich, wenn ich lese, die Gewerkschaften seien das Problem. Im Gegenteil: Erst mit starken Gewerkschaften sichern wir Einkommen und Wachstum.
Papst Franziskus will eine arme Kirche. Die deutsche Kirche ist reich. Was jetzt?
Der Vatikan ist auch nicht arm. Wir reden ja deshalb in Rom darüber, wie das Geld dienstbar gemacht werden kann. Wir können ja nicht heute das gesamte Vermögen der Kirche an die Armen verschenken, wie müssen auch an die Armen von morgen denken. Das Vermögen soll helfen, das Evangelium zu verkünden, den Armen zu helfen und die Mitarbeiter zu entlohnen. Der Papst will eine Kirche, die durch äussere Zeichen deutlich macht: Was wir haben, dient auch und besonders den Armen, heute und morgen.
 

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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