Bekanntlich sind alle (auch ihr!) eingeladen, am So. 9. März in St. Gallen für eine glaubwürdige Kirche zu demonstrieren. Doch dürfen sie das? (Übrigens: Diese Frage soll auch der sächsische König gestellt haben, als man ihm sagte, sein Volk revolutioniere…). Dazu ein bemerkenswerter Kommentar meines lieben Kollegen Thomas Binotto, Chefredaktor des Zürcher Pfarrblatts «forum»:
Am 9.»«†März 2014 wollen Katholikinnen und Katholiken in St. Gallen unter dem Motto «Es reicht!» demonstrieren. Es braucht keine prophetische Gabe, um vorauszusehen, dass ihnen die Stilfrage gestellt wird: Dürfen katholische Gläubige demonstrieren? Ist das nicht einer Kirche unwürdig, die Gemeinschaft und Einheit predigt?
Die Frage erledigt sich im Grunde bereits in den Evangelien. Die Bergpredigt war auch eine politische Demonstration. Mit einem «Hauptredner», der sehr prägnant und angriffig sein Programm vorstellte. Mit Merksätzen, die sehr wohl zu Slogans taugten – deshalb konnte man sie sich erst merken. Ein rhetorisches Meisterwerk also. Und von einer Sprengkraft, welche die Mächtigen unruhig werden liess.
Jede katholische Prozession ist eine Demonstration. Davon zeugt nicht bloss die Monstranz, die für alle sichtbar mitgetragen wird. In früheren Zeiten gab es so manche Prozession, die nicht bloss den Katholiken Wohlgefallen bereiten sollte, sondern mindestens so sehr den Protestanten ein Missbehagen.
Demonstrationen sind auch nicht ausschliesslich ein Mittel der «Progressiven». Bischöfe erzählen mit leuchtenden Augen, wie die Weltjugendtage der Welt wieder einmal gezeigt – eben demonstriert – hätten, wie lebendig die katholische Kirche sei. Konservative Christen gehen in Zürich gegen die Abtreibung auf die Strasse und in Paris gegen die Schwulenehe. Die Stilfrage wird bloss vorgeschoben.
In der Realität sind wir Menschen ganz einfach gestrickt: Eine Demonstration, die uns passt, ist gut. Eine Demonstration, die uns nicht passt, verwerflich.
Aber weshalb demonstrieren Menschen? Weil sie sonst kein Gehör finden. Und tatsächlich ist die Erfahrung in der katholischen Kirche leider häufig die, dass stilvoll und intern vorgetragene Anliegen schneller versanden, als man darauf bauen könnte. Und wer sich als Einzelner hinstellt, wird als Einzelfall abgetan und wenn möglich auch abgestraft.
Dass am 9.»«†März in St. Gallen demonstriert wird, das haben sich die Bischöfe selbst eingebrockt. Und zwar nicht bloss der Bischof von Chur, dem seine Mitbrüder das öffentliche Feld so bereitwillig überlassen, dass man den Eindruck nicht los wird, sie seien froh darüber, dass dieser sich an ihrer Stelle die Finger verbrenne. Es ist deshalb folgerichtig, dass für einmal beim Präsidenten der Bischofskonferenz in St. Gallen demonstriert wird. Mit netten Worten nichtssagend freundlich zu lächeln – das taugt nicht einmal mehr zum Ventil. Nun sind von allen Bischöfen Antworten gefragt.
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant