Für die Hungernden zu beten, ist sehr schön. Doch es reicht nicht. Jesus lädt die Menschen ein, einander zu helfen.
Wer kennt sie nicht: die biblische Erzählung von der Speisung der 5000? Heinz Joachim Held (Jahrgang 1928) hat den Text des Matthäus-Evangeliums (14,15-21) vor vielen Jahren in Beziehung gebracht zur deutschen Sammelaktion von «Brot für die Welt». Seine Überlegungen sind heute noch aktuell, gerade auch im Hinblick auf das Fastenopfer.
Für die Hungernden beten
Angesichts der Menschenmenge, die an einer abgelegenen Stelle auf die Worte Jesu hört, bitten die Jünger den Herrn, «ein Auge und ein Herz für die Hungernden zu haben». Dazu Held: «Das ist nicht falsch, für die Notleidenden zu beten, auch nicht: Jesu Augen und Gedanken auf das Elend zu lenken.
Es ist wunderbar, wenn Christen die Not der Welt sehen, so sehen, dass sie anfangen zu beten, dass sie nicht aufhören, für die Elendesten der Menschheit zu beten. Grossartig ist es, wenn sie wirklich von ihrem Herrn die Hilfe für die grosse Masse der Leidenden erwarten.
Nun antwortet der Herr auf die Bitten. Er erhört das Gebet seiner Christen: ‹Gebt ihr ihnen zu essen!› Seine Antwort ist unerwartet. Sie ist ein Befehl an die Beter, ein verblüffender Befehl an die Christen: so zu tun, was sie vom Herrn für die Hungernden vor ihren Augen erbitten. (…) Die Hilfe des Herrn geht durch die Hände der Christen.»
Die Hilfe des Herrn geht durch die Hände der Christen.
Wenn alle teilen
Es war für mich ein bewegender Augenblick, als ich auf 1989 auf einer Heiliglandreise in Tabgha, dem Ort der Brotvermehrung, eine Messe halten konnte. Auf dem liturgischen Plan stand ausgerechnet das Evangelium von diesem Geschehnis. Ich erzählte in meiner Kurzansprache von der These, die damals gerade neu war: «Jesus hat nichts Mirakulöses getan, als er die fünf Brote und zwei Fische segnete und es für alle reichte. Es ist ihm gelungen, die Leute dazu zu bringen, ihren Proviant miteinander zu teilen.»
Inzwischen habe ich einige Male darüber gepredigt: «Wäre es heute nicht ein sehr grosses Wunder, wenn es jemandem gelänge, das, was die Menschen haben, mit den andern zu teilen. Auch heute würde es für alle reichen. Ja, es bliebe wie damals noch einiges übrig.»
Zurück zu Heinz Joachim Held, der viele Jahre für die Aussenbeziehungen der Evangelischen Kirchen in Deutschland/EKD zuständig war und den Zentralausschuss des Weltkirchenrates leitete. Am Schluss seiner Überlegungen stellt er fest: «Wir erwarten mit Recht von dem Herrn der Welt die Hilfe für die Not der Welt. Und wir wollen ihn bitten wieseine Jünger. Er aber erwartet mit Recht von uns den vollen Einsatz. Er traut uns zu, dass wir die Hilfe bringen. Er bevollmächtigt uns dazu.»
Ökumenische Geste
Die Überlegungen des Alt-Bischofs finden sich in seinem Buch «Einsichten und Ausblicke. Erträge eines ökumenischen Lebenswegs. (Lembeck 2008).» Held schenkte mir das umfangreiche Buch von 460 Seiten. Wir sind alte Bekannte, da wir 1995 miteinander auf einer ökumenischen Solidaritätsreise in Chiapas, Südmexiko waren. Er schrieb mir die Widmung: «in Erinnerung an unsere Weggemeinschaft». Eine sehr schöne ökumenische Geste!
Noch ein bemerkenswerter Satz aus seinem Buch: «Das grosszügige Geben ist nicht einfach eine menschliche Selbstverständlichkeit, sondern der Heilige Geist hat uns dazu begabt.»
(Dieser Text erschien im ite 1. 2014 zum Thema des Fastenopfers. http://www.ite-dasmagazin.ch)
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant