Einer der schlimmsten kirchlichen Skandale der letzten Zeit sei die Ablehnung der Befreiungstheologie durch die Kirchenleitung. So heisst es in einem Visionenpapier, welches Vertreter von Reformgruppen vor einigen Monaten in Innsbruck erarbeitet haben (darunter Delegierte der Tagsatzung.ch). Es wird hier aber auch gefragt, wie weit die «reformorientierten Gruppen» selber die Option für die Armen leben:
«Zu den erschütterndsten Entwicklungen römischer Kirchenpolitik in den vergangenen Jahrzehnten gehören die Ablehnung und Diskriminierung von Konzepten und pastoralen Praktiken, die sich konsequent um die Schwachen, um entrechtete und diskriminierte Bevölkerungsgruppen kümmern und in ihnen die Brüder und Schwestern Jesu erkennen (vgl. Mt 25,40). Stellvertretend dafür steht die Befreiungstheologie, die offiziell desavouiert wurde. Kirchen und Gemeinden, die so handeln, entfernen sich selbst von der Nähe zum gedemütigten, aller Kleider und seines Lebens beraubten Jesus. Die «Option für die Armen» ist das Gütesiegel einer jeden christlichen Gemeinschaft. Sie muss zur Grundhaltung christlicher Praxis werden und mit dem Einsatz für die Ausgeschlossenen unserer eigenen Gesellschaft beginnen, seien es die Arbeits- und Obdachlosen, Menschen aus anderen Kulturen und die moralisch Diskriminierten. Jesus hätte sich ihnen besonders zugewandt. Gemeinden in der Nachfolge Jesu treten daher umfassend für die Würde aller Menschen ein.
Dabei haben sich reformorientierte Gruppen die Frage vorzulegen, inwieweit sie selbst schon in diese bescheidene und selbstvergessene Haltung hineingewachsen sind. Nur wenige Frauen und Männer der westlichen Gesellschaft leben wirklich genügsam und sind von den Versuchungen ökonomischer Selbstabsicherung frei.»
Fortsetzung voraussichtlich am Montag: Wo bleiben die Jugendlichen in der Reformbewegung der Kirche?
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
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