Das vergessene Reich Gottes

 »Kehrt um. Das Reich Gottes ist nahe.»
 Wann hörten Sie zum letzten Mal eine Predigt über das Reich Gottes? Es ist ein Thema, das vielfach vernachlässigt wurde. Dabei steht es Vater-Unser an zentraler Stelle: «Dein Reich komme». (…)
Wir dürfen dafür dankbar sein, dass die Kirche in den letzten Jahrzehnten sich der lange vergessenen Theologie vom Reich Gottes zugewandt hat. Ein Beispiel, das Sie sicher kennen, ist der so  konziliare Prozess Gerechtigkeit, Friede, Bewahrung der Schöpfung/GFS, der bekanntlich 1989 in Basel einen sehr wichtigen Höhepunkt hatte.
Ich befürchte aber: Trotz aller Bemühungen der neueren Theologie bleibt wohl für die meisten von uns das Wort «Reich Gottes» ein abstrakter Begriff. Ich möchte ihn hier nicht mit abstrakten Überlegungen füllen. Sondern mit Hilfe der Bibel kurz einen Zugang dazu skizzieren, und zwar mit dem Vater-Unser, dem Gebet, das Jesus uns geschenkt hat. Was steht hier  über das Reich Gottes?

Unmittelbar nach der Bitte «Dein Reich komme» heisst es: «Dein Wille geschehe im Himmel wie auch auf Erden.»  Ein provokative Aussage. Denn sie meint: Gott ist nicht nur der Herr der Seele, sondern auch der Herr der so irdischen Dinge wie Politik und Wirtschaft. Oder wie es vor rund 40 Jahren eine kirchliche Versammlung sehr provokativ formulierte: «Gott ist auch an den Welthandelspreisen interessiert.» Nebenbei: Was würde in Davos am Welthandelsforum geschehen, wenn jemand das Vaterunser auf diese Weise ins Gespräch brächte?
Weiter im Text: «Vergib uns unsere Schulden, wie auch wie vergeben unsern Schuldigern.» Auch dies eine Herausforderung an uns. Wie anders würde unsere Welt aussehen, wenn wir einander die erlittenen Beleidigungen wirklich von Herzen verzeihen würden. Sie wäre bestimmt viel friedlicher.
Und dann heisst es weiter: «Führe uns nicht in Versuchung.» Manche Übersetzer meinen, es würde besser heissen: «Lass uns in der Versuchung nicht fallen.» Denn Gott würde uns nicht versuchen. Wir selber würden immer wieder mit dem Feuer spielen. – Wie auch immer: Lange Zeit siedelte man die Versuchungen vor allem im sexuellen Bereich an. Inzwischen haben wir entdeckt, dass sie auch sehr viel mit Macht und Geld zu tun haben. Denken wir nur an die Finanzkrise der letzten Jahre. Wie mancher brave Bürger hat auch in unserem Kanton der Versuchung auf hohe Gewinne seines Ersparten nicht widerstehen können und hat dabei fast alles verloren?
Dann die letzte Bitte des Vaterunsers: «Erlöse uns von dem Bösen.» Ich denke, jeder und jede von uns betet diese Bitte anders: Die einen denken an eine böse Krankheit, die andern an Stress bei der Arbeit oder an Mitmenschen, die es nicht gut mit ihnen meinen.

All das hat mit dem Reich Gottes zu tun:

eine Welt, in der Friede und Gerechtigkeit herrschen statt Betrug und Egoismus
ein Leben, das nicht Buchhaltung führt über erlittenes Unrecht
ein Umgang mit dem Geld, der nicht von Gier und Immer-mehr-Haben bestimmt ist
ein Zustand, in dem Gott uns befreit von bösen Mächten und Zuständen; so wie es uns die lateinamerikanischen Befreiungstheologie zeigt.

Kloster Gerlisberg, Luzern. 10 00 Uhr
 
 

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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