Nochmals: Hans Küng und das Sterben

Ich werde immer noch sehr oft auf Hans Küngs Einstellung zur Sterbehilfe angesprochen. Darum zitiere ich hier nochmals eine Stellungnahme dazu, von Iso Baumer in der Schweizerischen Kirchenzeitung (Besprechung des 3. Memoirenbandes). Schon hier möchte ich den Hinweis unterstreichen, man solle sich dabei nicht bloss auf Küngs Interviews abstützen, sondern auf seine Buchveröffentlichungen:
Küng jedenfalls will nicht «in ein Pflegeheim abgeschoben werden», aber auch nicht wie der vorletzte Papst sein «Sterben in aller Öffentlichkeit zur Schau stellen». Er lehnt die Verfügung anderer Leute über Leben oder Sterben ab. Aber er lehnt auch den Zwang ab, ein Leben bis in die letzte Phase eines nur mehr biologisch-vegetativen Daseins auskosten zu müssen. Das wird schon im vorliegenden Buch einigermassen sorgfältig dargestellt, mit mehr Ausführlichkeit in der 2. Auflage seines Buches «Menschenwürdig sterben» detaillierter belegt. Es ist besser, diese Texte zu lesen, als die allzu knappen Aussagen Küngs zu diesem Thema in Interviews anzuhören, die hie und da arrogant klingen mögen (vielleicht vom Sender gekürzt).
Jedenfalls wird eines klar: Der zölibatäre Küng hat eine grössere Freiheit als der in eine Familie eingebundene Mensch, der diese Themen mit dem Ehepartner und den Nachkommen eingehend besprechen muss. Und die religiöse Dimension des Leidens und die inneren Geschehnisse in dieser Phase – beim Kranken und bei den Angehörigen – kommen nicht ins Gesichtsfeld. Und wann der mögliche Sinn davon entfällt, sodass man seine Verantwortung rechtzeitig wahrnehmen könnte, ist auch nicht von aussen abzuschätzen. Jedenfalls hat Walter Jens, der Partner dieser tiefgründigen Überlegungen, diese Gelegenheit «verpasst», wie Küng (aber auch Inge Jens) einmal sagte: Ab 2004 war er dement und starb erst 2013, neunzigjährig, hingebungsvoll betreut von seiner Frau Inge und Frau Margrit Hespeler auf ihrem Bauernhof. Weder Inge Jens noch Hans Küng hätten es gewagt, den alten Mann ins Jenseits zu befördern. Sie werden einst gemeinsam nebeneinander auf dem Friedhof in Tübingen liegen.

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.blogs-kath.ch/nochmals-hans-kueng-und-das-sterben/