Nur Gläubige können gute Menschen sein, behaupten nach wie vor Gläubige. Und schon Dostojewski sagte: «Wenn es keinen Gott gibt, ist alles erlaubt.»
Ist die Sache so einfach? Wohl nicht. Dazu aus einem Tagungsbericht der Zeitschrift «Christ in der Gegenwart»:
Der Berliner Philosoph Herbert Schnädelbach zeigte sich in Berlin in einer Diskussion davon überzeugt, dass es sich bei der Aussage des russischen Dichters um einen der dümmsten und absurdesten Sprüche handle, die es überhaupt gibt: «Selbst wenn es Gott nicht geben sollte, darf ich nicht bei Rot über die Ampel gehen, Steuern hinterziehen oder meine Frau schlagen.» Die Behauptung des Schriftstellers sei «intellektuelle Panikmache». Denn auch Nichtglaubende handelten sehr wohl moralisch. Weder Gott noch sonstige Letztbegründungen brauche man dafür, dass der Mensch anständig sein und sich vernünftig verhalten muss. Es gebe Sollansprüche, die in rationalen Diskursen ermittelt wurden. Das sollte ausreichen. Grundgesetz, Artikel 1 genügt. «Was könnte ein transzendenter Gott hier noch hinzufügen?» – so Schnädelbach.
Der Soziologe Hans Joas stimmte Schnädelbach zu, dass man Gott für die Werte nicht brauche. Starke Evidenzerfahrungen, unmittelbar einsichtige Wahrnehmungen in der Tiefe der Seele und des Bewusstseins lassen auch ohne Jenseitsbindung den Einzelnen erkennen, was richtig und was falsch ist. Dennoch möchte Joas die Bedeutung des Religiösen für den historischen Prozess der Universalisierung des Ethischen nicht zu gering veranschlagen. Dass Menschen motiviert sind, sich moralisch zu verhalten, selbst wenn es ihnen nicht nützt, könne sehr wohl durch intensive Glaubenserfahrungen mitbewegt, mitinspiriert sein.
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant