Maria, entdeckt von der Befreiungstheologie und der feministischen Theologie

Über Maria kann man nie «genug sagen», wurde unsere Generation belehrt. Später, nach dem Konzil bekamen die meisten von uns ein kritisches Verhältnis zu ihr. Wir spürten, wie sie für vielen Frommen wichtiger ist als Jesus. Ja, oft scheint es, sie sei eine Göttin.
In den letzten Jahren wurde ihr Bild «geerdet»; nicht zuletzt dank der feministischen Theologie und der Befreiungstheologie.
In Lateinamerika nahm ich diese Aufwertung Marias staunend zur Kenntnis. Zum Beispiel in einer chilenischen Kirche zur Zeit der Diktatur Pinochets. Auf einem Bild ging Maria einem Protestzug voran, in den ärmlichen Sandalen aus alten Autoreifen, wie sie die Ärmsten trugen. Auf den Plakaten, welche die Demonstranten trugen, waren Sätze aus dem Magnifikat; zB «Die Mächtigen stösst er vom Throne.» Ein Satz, der damals höchst revolutionär war.
Diese Gedanken gingen mir durch den Kopf, als ich in «reformiert.ch» das Dossier sah:
 
Maria betört auch die Reformierten
Hier ein Abschnitt aus einem Gespräch mit der feministischen Theologien Luzia Sutter Rehmann:
Spielt Maria in der reformierten keine Rolle, weil die Evangelien sie stiefmütterlich behandeln? Stiefmütterlich? Am Anfang des Lukasevangeliums, bei Lukas 1, 46–55, steht doch das wunderbare Magnificat, der Lobgesang Marias, mit dem sie auf die Ankündigung des Engels Gabriel reagiert, sie werde einen Sohn gebären. Das ist eine grossartige Vision, eine Prophezeiung des Endes von Hunger, Krieg und Unterdrückung. «Er stürzt die Mächtigen vom Thron und erhöht die Niedrigen», jubiliert sie. Maria ist eine Prophetin. So wird sie in der Kirche aber überhaupt nicht dargestellt. Richtig. Diese hat die demütige Magd und die Schmerzensmutter in den Vordergrund gestellt – nicht die kraftvolle Visionärin.

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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