Wie ich zum Sans-Papier wurde

Frohgemut schritt ich im Flughafen zum Schalter, um mich für den Ferienflug nach Kreta einzuchecken. Da runzelte der Angestellte die Stirne: «Ihr Identitätskarte ist seit fünf Monaten abgelaufen!» Da stehe ich hier, von einem Augenblick zum andern ohne gültige Papiere, als Sans-Papier.
Nach einem kurzen Telefonat mit irgendeiner Stelle gibt mir der freundliche Herr hinter dem Schalter Entwarnung: «Für ein Schengenland reicht Ihre abgelaufene ID.» Doch: «Wenn Sie in Griechenland kontrolliert werden, könnte es eine Busse geben.»
Auf dem fast dreistündigen Flug geht es mir durch den Kopf: Kontrolle durch die griechische Polizei? Rund die Hälfte der Polizisten hat bei den letzten Wahlen für die neonazistische «Morgenröte» gestimmt! Wenn ich an einen fremdenfeindlichen Polizisten gerate – ohne Papiere!
Zum Glück verfüge ich über die nötige Resilienz; was man früher etwa umschrieben hat mit dem Spruch «Das haut den Eskimo nicht vom Schlitten.» Und doch: Ich bleibe nachdenklich und sage mir: «Die Welt ist in Ordnung – und von einem Augenblick zum andern bist du aus dieser Ordnung geworfen.»
Nun, für mich ging’s gut. Ich lernte kein griechisches Gefängnis von innen kennen. (Wäre allerdings eine tolle Recherche gewesen …) Aber für Millionen von Menschen hat es unheimliche Konsequenzen, wenn ihnen ein Papier fehlt.
Soweit mein Text, der in der KIPA als «Seitenschiff» erschienen ist.
Zum Thema noch folgende Erinnerung an das «Volksfremdentheater», das von einer Gruppe tamilischer und schweizerischer Schauspieler vor Jahren mit Unterstützung der Caritas auf Tournee ging:
Die gut bürgerliche Familie eines Metzermeisters sitzt beim Abendessen. Ein Flüchtling kommt und bittet um Hilfe: Familienvater weisst ihn brüsk ab. Szenenwechsel: Eine obskure Gruppe hatte in der Schweiz durch einen Staatsstreich die Macht übernommen. Die Familie des Metzermeisters flieht. Jetzt zeigt das Theater praktisch spiegelverkehrt das, was mit den Asylsuchenden bei uns geschieht. Sie werden in Aufnahmezentrum eingewiesen. Die Familie sitzt vor einer Wandtafel mit völlig fremden Buchstaben, die sie lernen sollte. Begreiflich, dass der brave Metzgermeister und seine Familie fast verzweifeln …

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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