»schsch liebe …», flüstert das kleine, dunkelhäutige Mädchen, das sich mit ihrem Vater am Bahnhof Olten dicht vor mich hinstellt. Und nochmal «… liebe». Ich verstehe nur Bahnhof, denke aber, es appelliere an meine Nächstenliebe und wolle betteln. Du mischt sich der Vater ein: «Du Jesus lieben?» Ich bejahe spontan. Dann: «Du gehen in Kirche?» Ja. Dann zeigt der Mann auf seine Bibel, die er in der Hand hält. «Wir Eriträer. Wollen, dass alle Menschen gehen in Kirche.» Glücklich wendet er sich dem nächsten Wartenden zu.
An diese Szene, die vor eine Woche auf der Fahrt von Luzern nach Solothurn erlebte, musste ich gestern während der Herbsttagung des Katholischen Seelsorgerates des Kt. Luzern denken. Es ging um die Sinus-Milieu-Studie und dieFrage: «Wie werden wir einen grössern Zugang zu neuen Lebenswelten erhalten?» In der Gruppe erntete ich Gelächter, als ich die geschilderte Episode als Negativbeispiel anführte. Nein, so aufdringlich wollen wir nicht sein.
PS: Auf der Weiterfahrt nach Solothurn muss ich aufs WC. Als ich zurückkam, stand die Zugbegleiterin neben meinem Platz: «Darf ich Ihnen etwas sagen. Sie sollten Ihre Tasche nicht unbeaufsichtigt lassen.» Ich fahre seit 40 Jahren oft Zug. Noch nie wurde ich gewarnt … – und noch nie bestohlen. Offenbar haben sich die Zeiten geändert.
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.blogs-kath.ch/wie-ein-dunkelhaeutiges-maedchen-mich-bekehren-wollte/