Das Chaos in der Kirche ist normal (Hermann Häring)

Auch die römisch-katholische Kirche ist nicht einfach ein monolithischer Block. Darum kommt es in ihr zum Chaos. Diese These vertritt Hermann Häring. Ich stelle sie unkommentiert zur Diskussion:
«Schon immer lebten Kirchen (und Religionen) aus mindestens vier höchst dynamischen, aber unterschiedlichen Dimensionen.
·       Das ist eine [1] spirituelle Grund-, Gottes- oder Grenzerfahrung,
·        [2] eine Gemeinschaft, die diese Erfahrung gemeinsam feiert, bespricht und begeht,
·       [3] die Ausbildung von Institutionen, die diesen Erfahrungen Beständigkeit verleiht, und schliesslich
·       [4] eine Lehre mit Interpretationen, Grenzziehungen und grundsätzlichen Orientierungen.
Wir erleben auch in der römisch-katholischen Kirche, dass sich diese vier Dimensionen in wachsendem Masse verselbständigen, bisweilen auseinanderfallen und in ausserkirchliche Bewegungen integrieren. Je mehr sich unsere Weltkultur und die Kultur eines jeden Landes differenziert, umso intensiver entwickelt eine jede der vier Dimensionen mit ihren eigenen Impulsen eine unterschiedliche Dynamik, die sich nicht mehr autoritär in eine Einheit zwingen lässt. Wem diese Grundstruktur einmal deutlich geworden ist, kann mit den wachsenden Polarisierungen und oft chaotischen Zuständen der Kirche besser umgehen; sie gehören einfach dazu. Vielleicht muss man in der Chaostheorie bewandert sein, um deren Zusammenwirken besser zu verstehen. Auch lässt sich aus dieser Perspektive besser verstehen, dass und warum das Konzil die späteren, oft chaotischen Zustände ausgelöst hat, statt eine harmonische Entwicklung anzustossen, und warum die katholische Kirche dennoch nicht auseinandergebrochen ist.»

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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