JP II.: ein seltsamer Heiliger

Ich bin nicht der einzige, der nicht in Jubel ausbricht, dass Johannes Paul II. heilig gesprochen wird. Mit Verlaub: dass dies am Barmherzigkeits-Sonntag geschehen wird, ist für mich ein Hohn. Johannes Paul II. hat sich ja in sehr vielem sehr unbarmherzig gezeigt: gegenüber den geschiedenen Wiederverheirateten (Papst Franziskus macht da langsam eine Kehrtwende), gegenüber den Priestern, die geheiratet haben (es war für sie praktisch unmöglich, eine Dispens zu erhalten; überhaupt nicht, wenn sie nicht gestanden, bei der Weihe etwas plemplem gewesen zu sein …). Oder man denke an den erhobenen Zeigefinger auf den  vor ihm niederknienden Ernesto Cardenal).
   Grundsätzlich kann ich mich der Einschätzung meines Freundes Hans Peter Hurka von wir-sind-kirche.at anschliessen:
 
Die Heiligsprechung von Papst Johannes Paul II. wird – bei allem Respekt vor seiner Persönlichkeit und Frömmigkeit – von vielen Gläubigen für äusserst problematisch gehalten. Sicher verdient er Anerkennung im Hinblick auf die Befreiung vom Kommunismus sowjetischer Prägung, auf die Demokratisierung seines Heimatlandes Polen, auf seine anhaltenden Bemühungen um den Weltfrieden sowie auf seine besonderen Beziehungen zu den Juden und das gemeinsame Gebet verschiedener Religionen in Assisi.
Die Tragik von Johannes Paul II. liegt in der grossen Diskrepanz zwischen seinem Einsatz für Reformen und Dialog in der Welt und dem unter seiner Verantwortung vollzogenen innerkirchlichen Rückfall in autoritäre, zentralistische Strukturen. Obwohl selber noch Konzilsteilnehmer, hat Johannes Paul II. viele Fenster und Türen in der Kirche geschlossen, die im Zweiten Vatikanischen Konzil so vielversprechend geöffnet worden waren. So hat er u.a. 1994 in dem Schreiben «Ordinatio sacerdotalis» das Verbot der Weihe von Frauen in die Nähe der Unfehlbarkeit gerückt und jede Diskussion darüber untersagt.
In seinem Pontifikat wurden die innerkirchliche Dialogbereitschaft unterdrückt und zeitgemässe am Konzil orientierte Theologien bekämpft. Vertreter der Befreiungstheologie und andere aufgeschlossene Theologinnen und Theologen liess er verfolgen, massregeln oder sie bekamen wie Hans Küng oder Leonardo Boff Lehrverbot. Im damaligen Präfekten der Glaubenskongregation Kardinal Joseph Ratzinger, dem nachfolgenden Papst Benedikt XVI., hatte Karol Wojtyla einen willfährigen Vollstrecker. Ratzinger und einer finanzkräftigen, konservativen Lobby ist auch die rasche Heiligsprechung Wojtylas zu verdanken.
Das in den letzten beiden Pontifikaten entstandene innerklirchliche Klima lähmender Angst und theologischer Erstarrung muss jetzt mühsam vom neuen Bischof von Rom überwunden werden.
 

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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