Franziskus (der Heilige) und die Armut

 
Radikal arm leben
Dass Franz zu den Armen gehörte und seine Gründung radikal arm leben wollte, zeigte sich ebenfalls am Kleid. Auch hier müssen wir von einer uns vertrauten Vorstellung Abschied nehmen. Der Habit, auch «Kutte» genannt, drückt heute die Zugehörigkeit zu einem kirchlichen Stand aus. Die neu eingekleideten Mitglieder von franziskanischen Orden wunderten sich auf ihren ersten Spaziergängen ausserhalb des Klosters – jedenfalls noch bis vor kurzem «ˆ’, dass sie plötzlich von allen Leuten ehrerbietig gegrüsst wurden. Ganz anderes zur Zeit des Franz. Dieser wählte für sich und seine Brüder keine klerikale, Ehrfurcht erheischende Kleidung. Er übernahm die Gewandung der einfachsten Leute: der Tagelöhner und Schafhirten. Die Farbe war von einem unbestimmten Grau, was von der ungefärbten Wolle kam. Der Habit kratzte auf der nackten Haut (die Brüder trugen darunter nur Unterhosen). Meistens war er, wie ein geflügeltes Wort aus der Franziskanerregel lautet, «innen und aussen geflickt». Womit wir wieder beim Outlook der Hippies wären …
Eine Parallele zwischen den beiden äusserst ungleichen Bewegungen könnten wir auch bei der Motivation finden: die Ablehnung einer auf das Materielle fixierten Lebensweise, welche den Menschen unfrei machen, ja versklaven kann.
Trotz dieser nicht zu unterschätzenden Gemeinsamkeit: Die Vertrautheit mit der «Frau Armut», wie Franz sie poetisch nennt, hat für den Poverello eine tief spirituelle Begründung. Wer nichts sein Eigen nennt, ist in einem radikalen Sinn auf seinen Schöpfer verwiesen und auf die Mitmenschen.
Die Armut ist letztlich nur für jene lebbar, die sich auf die Solidarität der andern verlassen können. Wer von andern abhängig ist, kommt ihnen nahe. Wer in den Ländern des Südens etwa christliche Basisgemeinden besucht, ist zutiefst beeindruckt, wie die Ärmsten das Wenige, das sie haben, miteinander teilen und einander das Überleben sichern. Diese Bereitschaft, für einander da zu sein, wiederum schafft menschliche Nähe und Wärme. (Ein banaler Vergleich: Als hierzulande die Vorratsschränke nicht immer prallvoll waren, kam es vor, dass Salz oder sonst etwas ausging. Da klopfte man beim Nachbarn an. Die spontane Nachbarschaftshilfe war ein Teil des sozialen Kitts.)
Um die franziskanische Armutspraxis nicht bloss oberflächlich zu verstehen, müssen wir ihren Stellenwert im sozialen Gefüge der mittelalterlichen Gesellschaft kurz anschauen. Zwischen dem Adel und dem aufstrebenden Bürgertum einerseits und den Habenichtsen andererseits gab es einen tiefen Graben, der durch keine Massnahmen des Sozialstaats überbrückt wurde. Die kleinen Leute – die «Mindern» – waren in der grossen Überzahl. Das bürgerliche Zentrum allein hatte das Sagen. Die Peripherie und damit die Mittellosen, welche die erdrückende Mehrheit der Gesellschaft bildeten, zählten nicht.
Die franziskanische Armutsbewegung machte die Peripherie zu ihrer Mitte. Durch diese «Option für die Armen» wurden die Verstossenen an ihre Menschenwürde erinnert. Und Franz eiferte darnach, der Ärmste von allen zu sein. Dazu sein erster Biograph: «Er konnte es nicht sehen, dass jemand noch ärmer war als er, nicht aus Verlangen nach eitlem Ruhm, sondern nur infolge herzlichen Mitleids.»
 
Ausblick; In unsern ersten Ordensjahren wurde Armut vor allem als absolute Abhängigkeit von den Obern verstanden. Wer einen Brief geschrieben hatte, musste zum Guardian gehen und ihn um eine Marke bitten. In den letzten Jahrzehnten rückten glücklicherweise substantiellere Aspekte der Ordensarmut in den Mittelpunkt: das Streben nach einem einfachen Lebensstil (nicht zuletzt im Hinblick auf den ökologischen Notstand der Erde!), das Teilen mit den Armen und vor allem auch das prophetische Eintreten für ihre Rechte. Es ist kein Zufall, dass die «Option für die Armen» der lateinamerikanischen Theologie und Praxis der Befreiung gerade in Franziskanern ihre unerschrockenen Vorkämpfer fand (Boff, Arns, Lorscheider usw.).
Die Armen in die Mitte stellen, ist nicht bloss eine Aufgabe für einen franziskanischen Orden oder für die kirchliche Sozialarbeit. Nur wenn die Benachteiligten zu ihren Rechten kommen, ist der soziale Zusammenhalt gewährleistet, und zwar innerstaatlich wie weltweit. Dazu die Präambel der Schweizerischen Bundesverfassung: «… dass die Stärke des Volkes sich misst am Wohl der Schwachen».
Aus: Franz von Assisi für Ungläubige. Wegwarte-Verlag.
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Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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