Die Bibel und den Koran mit Verstand lesen

 »Meint ihr, ich sei gekommen, um Friede auf die Erde zu bringen?»  Seltsam, ja skandalös dieses Wort Jesu! Wo bleibt da der «liebe Heiland», «sanft und demütig von Herzen»? Ja, was ist da passiert? Hat Jesus mit diesen Worten seine eigene Botschaft vergessen:

Wo bleibt da seine Seligpreisung: «Selig die Frieden stiften/die keine Gewalt anwenden?
Wo bleibt da seine Warnung: «Wer zum Schwert greift, kommt durch das Schwert um» – übrigens ein Wort, von dem ein Theologe während der Aufrüstungsdebatte der 80-er Jahre meinte, man müsse es über die Eingangstüre jeder Kaserne anbringen?

Tatsächlich, das heutige Evangelium macht uns konfus. Da stimmt doch etwas nicht mit dieser Geringschätzung des Friedens und der Verherrlichung von Spaltungen.
Nun, die Lösung liegt wohl darin, dass wir die Heiligen Schriften nicht wörtlich nehmen dürfen. Wir müssen sie mit Verstand lesen. Sonst werden wir zur Sekte, z einer fundamentalistischen Glaubensgemeinschaft.
Die Heiligen Schriften mit Verstand lesen: Da befinden wir uns in guter Gesellschaft. Denn beispielsweise Benedikt XVI. hat als Papst immer wieder «Sektierertum und Fundamentalismus» verurteilt. Er tat dies beispielsweise in einer seiner Reden im britischen Parlament. Damals hat er das Anliegen etwas professoral-kompliziert ausgedrückt: «Verzerrungen der Religion» entstünden immer, «wenn der reinigenden und strukturierenden Rolle der Vernunft im Bereich der Religion zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt wird».–  Ist Ihnen aufgefallen, dass ich sagte: «die Heiligen Schriften» müssten wir mit Verstand lesen? Ich sprach nicht bloss von der Bibel. Die Aussage betrifft zum Beispiel auch den Koran. Wir kämen im christlich-muslimischen Dialog meilenweit voran, wenn beide Seiten zu einer kritischen Lesart fähig wären.

Wenn Muslime das heutige Evangelium lesen und sich an seinen Wortlaut klammern, können Sie uns vorwerfen, der christliche Glaube sei eine kriegerische Angelegenheit.
Wenn wir Christen im Koran die Aufrufe zur Tötung der Juden und der Christen lesen – falls wir überhaupt den Koran lesen würden – fühlen wir uns darin bestätigt, der Islam sein eine gewalttätige Religion.

Bleiben wir ganz kurz bei diesem Beispiel und wenden wir auch hier den Verstand an. Das heisst: Fragen wir uns, in welcher Situation dieser Text entstanden ist. Er wurde geschrieben, als die Umwelt – Christen und Juden – die junge muslimische Gemeinschaft buchstäblich bis aufs Blut bekämpfte. Ist es da nicht selbstverständlich, dass der Profet dazu aufruft, die Feinde zu vernichten? Und Juden und Christen waren eben damals die Feinde der muslimischen Glaubensgemeinschaft.
                      Was kaum einmal gesagt wurde: In Friedenszeiten hat Mohamed ein ganz anderes Verhältnis zu Juden und Christen gehabt: Er bezeichnete sie mit Hochachtung als «Leute des Buches»: also als Glaubende, die ihre heiligen Schriften verehrten.
Als eine Gruppe Juden verfolgt wurde, hat er ihnen sogar in einer Moschee Asyl gewährt. (….)
Elisabethenheim, Sa 16.30; Kloster Wesemlin, So 7.30; Betagtenzentrum Wesemlin (anstelle der Klosterkirche) 10.00)
 

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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