Erinnerungen eines Platzanweisers

Der emeritierte Münsteraner Bischof Reinhard Lettmann lebte als Student des Kirchenrechts in Rom. Er erinnert sich:«Die Vorbereitungen zum Konzil liefen schon im Frühjahr 1962 auf Hochtouren. Ich lebte damals im deutschen Priesterkolleg Santa Maria dell› Anima und auch bei uns wurde gefragt, wer bereit sei, als Stenograf im Konzil tätig zu werden. Mit einigen Freunden habe auch ich mich gemeldet. Bis zur Konzilseröffnung wurden wir intensiv geschult. Dann zogen wir etwa 30 Stenografen am 11. Oktober stolz hinter Papst Johannes dem XXIII. in den Petersdom ein. Allerdings mussten wir bald erleben, dass es mit unserer Stenografie nicht klappte. Das lag nicht an uns, sondern an den Konzilsvätem. Sie sprachen kein klares Latein. Die Amerikaner sagten für Freiheit nicht libertas, sondern leibertas. Noch schlimmer war es mit den Spaniern. Sie machen kaum einen Unterschied zwischen v und b, sodass man nicht wusste, ob sie vivere (leben) oder bibere (trinken) sagten. Damals ging in den Kreisen des Konzils das Wort um ‹Beati spani, quibus vivere est bibere› – ‹Selig die Spanier, für die leben trinken bedeutet.› Wir Stenografen wurden dann als Platzanweiser eingesetzt mit dem klingenden lateinischen Namen: ‹assignatores locorum›.Die Bischöfe sassen im Petersdom in grossen Blocks zu etwa 100. Unsere Aufgabe als Platzanweiser war es, ihnen die Vorlagen und die Stimmzettel auszuteilen und nach einer Abstimmung wieder einzusammeln. Die Bischöfe sassen in ihren Blocks entsprechend dem Weihealter. So konnte es sein, dass ein Bischof aus Deutschland neben einem Bischof aus Afrika oder aus Asien sass. Viele neue Bekanntschaften sind so auf dem Konzil entstanden, die sich über das Konzil hinaus fortgesetzt haben.»(ab; mit Zitaten aus: http://kirchensite.de/fragen-glauben/impulse/impulse-news/datum/2012/10/21/erinnerungen-eines-platzanweisers/)

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