Der 82-jährige Pierre-Marie Kardinal Gerlier, Erzbischof von Lyon, verfolgte die erste Sitzungsperiode des Konzils in Rom trotz zunehmender körperlicher Schwäche mit wachem Geist; unter anderem engagierte er sich für die Gruppe «Kirche der Armen», nachdem er bereits vor dem Konzil in Verbindung mit Dom Helder Câmara stand. Zeit seines Lebens bewies der Primas Galliens, dass er unkonventionelle Wege zu gehen bereit ist. Erst mit 41 Jahren wurde der ausgebildete Rechtsanwalt zum Priester geweiht, bereits mit 49 Jahren war er Bischof von Tarbes et Lourdes, mit 57 Jahren war er Erzbischof von Lyon und wurde im gleichen Jahr Kardinal. Lyon wurde unter seiner ebenso entschlossenen wie dialogisch geprägten Amtsführung zu einem wichtigen Impulsgeber für den französischen Katholizismus, in der Nachkriegszeit war das blühende Leben der Diözese von zahlreichen Projekten u.a. zum Bau neuer Kirchen geprägt. Kurz vor dem Konzil erhielt Gerlier, dessen Kräfte nachliessen, in Jean Villot einen Koadjutor, der nur für kurze Zeit sein Nachfolger wurde, bevor er es in Rom bis zum Kardinalstaatssekretär gleich dreier Päpste brachte. Am 9. Dezember 1962 bestieg der gebrechlich gewordene Kardinal abends um 21 Uhr 55 den Zug in Rom. Am folgenden Morgen kam dieser in Turin an. Am dortigen Bahnhof trifft der Kardinal mit seinem Gefolge Roger Schutz und Max Thurian aus Taizé und führt gemeinsam mit diesen seine Reise fort. Gerliers Konzilstheologe Henri Denis schreibt: «Lange Unterhaltungen. Man bemerkt v.a. den Unterschied zwischen der Hin- und der Rückfahrt. Und am Bahnhof (Lyon-)Perrache steigt der Kardinal langsam aus dem Zug, wobei ihm zwei Brüder helfen, die man für seine Generalvikare halten könnte, Schutz und Thurian. Die Zeiten haben sich geändert».(Michael Quisinsky; für das Zitat s. Henri Denis: Église, qu’as-tu fait de ton Concile? Paris 1985, 55; vgl. auch Étienne Fouilloux: Art. Gerlier, Pierre-Marie. In: Dictionnaires des Évêques de France au XXe siècle. Paris 2010, 294-296).
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