Die SVP hat wieder einmal ein Objekt für ihre Aufregung gefunden: Eine Frau, die in Kriens mit Kopftuch aushilfsweise in einem Kindergarten tätig ist. So what! Sie hat zwar die Kleinkinder nicht missioniert. Aber irgendwann hat sie bestimmte muslimische Links angeklickt. Allerdings: Ein Freund von mir, Andreas Tunger, hat als Islamspezialist auf Anfrage unserer Zeitung bestätigt, dass es sich um harmlose Seiten handelt. Aber dies kümmert die «Spezialisten» der SVP keinen Deut.
Einen sehr bemerkenswerten Diskussionsbeitrag lieferte Nicola Neider in der «Zentralschweiz am Sonntag»:
Mit Vielfalt umgehen lernen
Aus meiner Sicht kann man der Gemeinde Kriens zu ihrer Entscheidung gratulieren, der Kindergartenlehrerin den Unterricht mit Kopftuch zu gestatten. Warum? Das Wichtigste: Das Wohl der Kinder stand bei ihrer Entscheidung im Vordergrund. Um einen längeren Unterrichtsausfall zu vermeiden, wurde eine gut qualifizierte und menschlich überzeugende Fachperson eingestellt – trotz ihrer religiösen Haltung, die manchen befremden mag. Die Güterabwägung fiel zugunsten der Kinder aus und war reiflich überlegt. Es wurde kein genereller Entscheid getroffen, sondern für eine konkrete Situation eine konkrete Lösung gesucht.
Dabei ergibt sich meines Erachtens sogar eine Chance für Kinder und Eltern: Die Chance, in dieser Situation mit der kulturellen und religiösen Vielfalt in unserem Land umgehen zu lernen. Die Schweiz ist inzwischen geprägt von einer sehr breiten und lebendigen kulturellen Vielfalt. Das ist eine Tatsache, die es anzuerkennen gilt. Diese Vielfalt zeigt sich bei einigen muslimischen Frauen (zum Teil bedingt durch kulturelle Prägungen) darin, dass es zu ihrem Glaubensverständnis gehört, ein Kopftuch zu tragen. Dabei sind Emanzipation und Kopftuch für viele Musliminnen kein Widerspruch (wenn das Kopftuch tragen freiwillig ist), so wie es auch bei katholischen Ordensfrauen der Fall ist. Beide Traditionen bringen zum Ausdruck, dass der Glaube nicht nur privat und innerlich gelebt wird, sondern auch Öffentlichkeit braucht.
Vorausgesetzt ist natürlich die Anerkennung der religiösen Neutralität in der Schule. Hierzu sagt die iranische Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi, die für ihren Einsatz im Iran für Demokratie und Menschenrechte ausgezeichnet wurde und selbst kein Kopftuch trägt: «Die Trennung von Religion und Staat bedeutet, dass man keine religiöse Propaganda betreibt. Wer das Tuch aus rein persönlichen Gründen trägt, also nicht missionieren will, sollte das dürfen.»
Nicola Neider Ammann, Theologin
Leiterin Bereich Migration/Integration
Katholische Kirche Stadt Luzern
Brünigstrasse 20
6005 Luzern
nicola.neider@kathluzern.ch
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.blogs-kath.ch/skandal-skandal-kindergarten-aushilfs-lehrerin-mit-kopftuch/