Ein Votum von Kardinal Montini

Giovanni Battista Kardinal Montini wird in der ersten Konzilsession nicht nur als ein Vertreter der reformoffenen moderaten Mitte und Konzilsmajorität bekannt, sondern auch als Papabile, der deswegen aufmerksam beobachtet wird. Am 6. November 1962 notiert P. Henri de Lubac, Kardinal Montini habe bisher eine eher zurückhaltende Rolle gespielt. Jemand habe ihm gesagt: «Er ist papabile, er darf sich nicht kompromittieren» (Lu 1,220; vgl. Lu 1,247). Am 29. November trägt Lubac ein: «Man bemerkt das Schweigen Kardinal Montinis. Man weiss, dass er der einzige der Kardinäle ist, den der Papst eingeladen hat, im Vatikan zu logieren. Man weiss (oder wenigstens sagt man), dass Johannes XXIII. ihn so nahe bei sich haben wollte, um allem von nahem folgen und ihn vertrauensvoll informieren zu können» (Lu 1,410; vgl. Co 1,297).Umso wacher wird wahrgenommen, dass Kardinal Montini sich am 5. Dezember 1962 in der Debatte über das Schema «De Ecclesia» zu Wort meldet. Sein Urteil dazu fällt nach der bisherigen Zurückhaltung unerwartet deutlich aus: «Ich kann nicht verschweigen, dass es nicht zufriedenstellend ist» (AS 1/4,292). Montini drängt auf eine angemessene Verhältnisbestimmung von Jesus Christus und Kirche, in der der Vorrang Jesu Christi gewahrt ist, und für eine weniger juridische Redeweise über die Bischöfe. Vor allem wird seine Rede als Unterstützung für die Anliegen von Kardinal Suenens wahrgenommen.Edward Schillebeeckx notiert: «Überraschung des Tages: zum ersten Mal bezieht Montini zu einem theologischen Schema Stellung: gegen das Schema de ecclesia!» (Sch 32).(emf)

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