In vielen Familiengeschichten gibt es Vorfahren, die als «Kolonisten» nach Lateinamerika ausgewandert sind. Von «Wirtschaftsflüchtlingen» sprach man damals nicht. Ebenso wenig fragte man sich, ob sie in LA «Indianern» das Land und damit ihre Lebensgrundlagen streitig machten.
Daran dachte ich, als ich las, dass im Süden von Chile, in der Heimat der bedrohten Mapuche, das Haus von Jorge Luchsinger angezündet wurde. Dieser, ein Nachfahre schweizerischer Einwanderer, und seine Frau kamen dabei ums Leben.
Mein bayerischer Mitbruder Otmar Noggler, ein hervorragender Kenner der Mapuche-Kultur hat aus diesem Anlass einen Artikel über die Kolonialisierung dieses Volkes verfasst. Er erinnert zuerst daran, dass die chilenische Regierung, welche die Mapuches ausrotten wollten, «europäische Kolonisten speziell für die Landwirtschaft zu Lasten der bodenständigen indianischen Bevölkerung angeworben haben. Zu dieser Gruppe gehört auch die Familie Luchsinger. Wie die meisten anderen Kolonisten gehörte sie offensichtlich auch zu denen, die sich kaum Gedanken darüber gemacht haben, wie ihr heute ererbter Grundbesitz in einem fremdem, aber besiedelten Land, zustande gekommen ist. Wie der tüchtige Schweizer Kolonist aus den zugewiesenen 60 ha noch zu Lebzeiten gut 900 ha dazu gewinnen konnte, lässt Zweifel an «ehrlicher Arbeit» aufkommen. Die besonderen Umgangsformen des zu Tode Gekommenen oder Ermordeten lassen wenig Gespür für Menschenwürde erahnen. So wollte er, Urenkel, immer noch auf deutsch als «Herr Luchsinger» angesprochen sein und beleidigende bis rassistische Ausdrücke wie: «Der Mapuche ist ein Plünderer, hat keine intellektuelle Fähigkeit, ist falsch, hinterlistig» gingen ihm, wie überliefert, leicht über die Lippen; das sind Redeweisen, die mit geringer Abwandlung, rund um die Welt die Geringschätzung von vornehmlich europäischen Kolonisten gegenüber der jeweils ursprünglichen Bevölkerung ausdrücken. Widerliches Verhalten entschuldigt oder rechtfertigt kein Verbrechen, wie das der Brandstiftung; der Tod des Ehepaars war, so ist zu hoffen, nicht gewollt.
Für die Mapuche-Bevölkerung gehört allerdings die Brandschatzung ihrer Behausungen als letzter Akt gewaltsamer Vertreibung von der eigenen Scholle ebenso zu den bösen Erfahrungen mit der Republik Chile, wie die Straflosigkeit weiterer Verbrechen bis hin zu ungesühntem Mord.»
Ähnliche Geschichten, in die schweiz-stämmige Familien verwickelt sind, gibt es wohl zumass.
Übrigens: Im «Jubiläums-Jahr» der Eroberung (»Entdeckung») Amerikas malte ein Schriftsteller aus, wie es gewesen wäre, wenn Inkas in Basel gelandet und den Landbesitz der Schweizer an sich gerissen hätten.
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.blogs-kath.ch/wenn-die-inkas-die-schweiz-erobert-haetten/