Und meine persönlichen Kontakte mit ihm
Es hat Aufsehen erregt: Der «streitbare Wirtschaftskritiker» (Zeitung «Der Bund») Jean Ziegler hielt in Bern in einer Kirche eine «Karwochenpredigt». Ich bin nicht ganz «unschuldig». Denn Jean fragte mich vor einigen Wochen am Telefon: «Was ist das für eine Pfarrei? Sind die Leute offen? Was meinst du, soll ich die Einladung annehmen.»
Hier zuerst einige Abschnitte aus dem «Bund»-Interview mit ihm. Dann etwas über unsere persönlichen Beziehungen:
Wer engagiert sich stärker gegen Hunger: die Kirche oder die Politik?
Meine Hoffnung ruht auf der Zivilgesellschaft, etwa auf Greenpeace, Fastenopfer, den Globalisierungskritikern von Attac oder der internationalen Bauernbewegung Via Campesina. Die Parteien sind lebende Leichname, da passiert nichts, die Staaten haben ihre Souveränitätsrechte weitgehend abgegeben.
Wer regiert die Welt?
Es gibt eine weltweite Konzerndiktatur. Diese Oligarchie des globalisierten Finanzkapitals hat mehr Macht, als sie je ein Kaiser, König oder Papst besass. Dagegen gibt es nur den Aufstand des Gewissens, getreu der Devise von Kant: «Die Unmenschlichkeit, die einem anderen angetan wird, zerstört die Menschlichkeit in mir.»
Es gibt die Geschichte des reichen Jünglings, der Jesus nicht nachfolgen will, weil er am Geld hängt. Macht Reichtum einen mutlos?
Nietzsche sagt: «Wenn die Christen an Gott glauben würden, hätte man das gemerkt.» Das Evangelium ist der revolutionärste Text, den es gibt. Ich bin ein Kommunist gemäss Matthäus-Evangelium. In Kapitel 25 sagt Christus dort: «Ich war hungrig, ihr habt mir zu essen gegeben. Ich war gefangen, ihr habt mich besucht, ich war durstig, ihr habt mir zu trinken gegeben, ich war nackt, ihr habt mich gekleidet.» Das ist das totale Solidaritätsprinzip. Ich wage es nicht, mich als Christ zu bezeichnen, denn das ist ein viel zu hoher Anspruch. Ich wollte, ich hätte den Mut, meine kleinbürgerliche Existenz zu verlassen und auf Privilegien zu verzichten.
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Vor fast 30 Jahren lass ich, dass Jean Ziegler in seinem Portemonnaie das dem heiligen Franziskus zugeschriebene Gebet «Mach mich zu einem Werkzeug des Friedens» mit sich trägt. Für mich ein Grund, mit ihm ein Interview zu machen. Wir trafen uns in der Wandelhalle des Nationalrates. Der viel Beschäftigte nahm sich für mich viel Zeit – und liess sogar das Team des englischen TV-Senders Channel 4 lange warten. Seither lässt er mir seine Bücher via Verlag zukommen, oder schickt sie sogar selber; eines mit einer sehr herzlichen Widmung.
Nachdem ich sein neuestes Buch im ite rezensiert hatte, dankte er mir telefonische voller Begeisterung (Ich fand seine Worte auf dem Telefonbeantworter): «Ganz, ganz herzlichen Dank für deine wundervolle Rezension. Sie hilft unserem gemeinsamen Kampf enorm. Und danke für deine Freundschaft und Solidarität.» Eine halbe Stunde später erreichte er mich telefonisch, um mit mir die Anfrage für eine Predigt in Bern zu besprechen.
Übrigens: Es kommt selten vor, dass Autoren dem Rezensenten danken. Eine der wenigen Ausnahmen war Peter Hertel, der bekannteste Opus Dei-Spezialist. Als ich ihn persönlich traf, dankte er mir für eine Buchbesprechung, die ich Jahre vorher verfasst – und sogar vergessen! hatte.
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant