… und die Visionen(Zur Vision aus dem Buch Jesaja, gerichtet an das Volk Israel, das nach dem Exil in die Heimat kam und dort Armut und Elend vorfand.)In diese traurige Situation hinein erzählt der Prophet seine Vision. Er zeichnet eine Zukunft, in der alles anders, viel besser sein wird.)
Stellen wir uns vor: Wir wären in einer solchen Situation. Wären wir fähig, diese Vision anzunehmen, an sie zu glauben? Visionen/Utopien stehen bei nüchternen Menschen nicht sehr hoch im Kurs. Der damalige dt. Bundeskanzler Helmut Schmidt, ein Machertyp spottete: «Wer Visionen hat, muss zum Arzt.» Er meint damit den Psychiater, der zuständige ist für verrückte Einbildungen. Auch einer der erfolgreichsten Schweizer Politiker, Christoph Blocher, hält nicht viel von Visionen. Als Justizminister war er bei der Einweihung eines neuen Gefängnisses. Bei seinem Rundgang sah er in der Kapelle ein Bild zum Thema Visionen. Er murrte: «Immer diese unrealistischen Spinnereien.» Der Gefängnisdirektor, ein ehemaliger Kapuziner-Novize, ein alter Freund von mir, entgegnete: «Aber, Herr Bundesrat, als Sohn eines Pfarrers müssten Sie mehr Verständnis haben für Visionen. Die Bibel ist voll davon.»
Ja, liebe Gläubige, nehmen wir solche Froh-Botschaften, wie sie in der heutigen Lesung stehen, ernst. Denn ohne sie, ohne die Hoffnung, dass es besser werden kann, könnten wir kaum überleben. Dies ist buchstäblich gemeint: Ein schwer Kranker zum Beispiel, der nicht an seine Heilung glaubt, wird die Krankheit kaum überstehen. Nur eine positive Einstellung kann sein Leben retten. In vielen andern, misslichen Lebenssituationen schenkt nur die Hoffnung, die Vision einer Änderung, die Kraft zum Weiterkämpfen. Wohl die meisten von ihnen kennen die Fabel von den zwei Fröschen, die in ein Gefäss mit Milch gefallen sind. Der erste gibt auf: «Wir sind eh schon verloren.» Der zweite hofft und strampelt und strampelt – bis aus der Milch Butter geworden ist. So bekommt er festen Boden unter den Füssen und kann frohgemut hinaus hüpfen.In der Literatur finden wir viele Aussagen, die Mut machen, Hoffnung wecken. Einer der bekanntesten Sätze zu diesem Thema stammt von Hölderlin: «Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch.»
Oder blicken wir nach Lateinamerika. Die dortige Befreiungs-Theologie, die inmitten von Not und Elend entstanden ist, schenkt uns sehr wichtige Einsichten über Hoffnung/und Visionen. Nur zwei davon:»«¢ Die Hoffnung stirbt zuletzt.»«¢ Oder das brasilianische Sprichwort, das vor 40 Jahren bei uns dank Bischof Helder Camara bekannt wurde. «Wenn einer allein träumt, ist es nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, ist das der Anfang einer neuen Wirklichkeit.»Luzern, Elisabethenheim, SA 16.30 Kloster Gerlisberg, SO 10.00
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant