«Dies ist nicht die Stimme des guten Hirten.»

Um nicht weniger als die Grundlage von Glaube und Kirche überhaupt ging es in der 19. Generalkongregation, die am 14. November 1962 begann. Es ging um die Diskussion über das Schema «Die Quellen der Offenbarung». Darin spiegelt sich wie in einem Brennglas das Ringen des gesamten Konzils, den Glauben unter den Bedingungen der Gegenwart neu zur Sprache zu bringen. Stand die erste Vorlage, die bereits 1961 entstand, noch ganz im Zeichen traditioneller Paradigmen (gegenreformatorisch, antiökumenisch, neuscholastisch-abstrakt, unbiblisch), so rang sich das Konzil in einem langen Prozess der Auseinandersetzung während der nächsten vier Jahre – viele glaubten gar nicht mehr an ein Ergebnis – zu einer neuen Sicht der Offenbarung durch: Die Kirche entsteht durch das Hören auf das Wort Gottes. Gott hat seinen Heilswillen durch Wort und Tat in Jesus Christus kundgetan. Über diese Sicht war sogar der greise protestantische Theologe Karl Barth als Konzilsbeobachter begeistert. Die Debatte begann damit, dass Kardinal Ottaviani, der Chef des «Heiligen Offiziums» (der späteren Glaubenskongregation) das Schema persönlich vorstellte. Einmal mehr wurde deutlich: Ottaviani dachte als Jurist. Er sah die Kirche im sicheren Besitz der Wahrheit. Der konziliare Stil sei «durch die Praxis der Jahrhunderte» geprägt (AS I 3,27), deren Hauch zu spüren sein müsse. Ottaviani wusste, dass längst Alternativtexte – in seiner Sicht «private» Entwürfe ohne jede Relevanz – im Umlauf waren. Er wehrte sich strikt gegen solche in seinen Augen subversive Papiere. Diese seien nicht Gegenstand der Diskussion, sondern allein das vorliegende Schema. Am 14. November kamen 15 Konzilsväter zu Wort, unter ihnen die Kardinäle Líénart, Frings, Léger, König, Alfrink, Suenens, Ritter und Bea. Die Genannten äusserten alle mehr oder weniger deutlich ihre Bedenken gegen den Text. Am deutlichsten wurde Kardinal Frings aus Köln: «Dies ist nicht die Stimme des guten Hirten.» (AS I 3,34) Wie zu erwarten war, wurde das Schema von den Kardinälen Ruffini und Siri engagiert verteidigt. So eröffnete die erste Befassung mit dem Text «Über die Quellen der Offenbarung» bereits ein grosses Spektrum der Probleme, mit denen das Konzil zu ringen hatte.(Hanjo Sauer)

Konzilsblogteam

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