Jesu Geschenk: «Das Reich Gottes kommt»«Ich verkünde euch eine grosse Freude. Heute ist euch der Retter geboren … Ihr werdet ein Kind in der Krippe finden.»Diese Frohe Botschaft der Engel gilt auch uns. Denn die Weihnachtsgeschichte ist nicht ein Märchen, das mit den Worten beginnt: «Es war einmal …» Auch wir sind hier und heute AdressatenInnen der Freudenbotschaft.
Im Weihnachtsbrief, den mir ein Freund geschickt hat, finde ich das folgende irisches Segensgebet:»Möge der Engel,der die Botschaft vom Frieden in die Welt brachte,an deinem Haus nicht vorübergehen.Möge das Kind,das seine Göttlichkeit hinter der Armut verbarg,in deinem Herzen eine Wohnung finden.»
Von einem kleinen Kind ist hier die Rede; vom Kind Jesus, dessen Geburtstag wir feiern. Es ist sicher schön und sinnvoll, dass wir uns zuhause und in der Kirche um seine Wiege versammeln, die eine Futterkrippe in einem Stall war. Aber wir dürfen nicht stehen bleiben beim Bild des Holden Knaben im lockigen Haar.Stellen Sie sich vor: Sie feiern Geburtstag und ihren Eltern fällt nichts anderes ein als der Festgemeine zu erzählen, was für ein niedlicher Säugling Sie waren. Und die Eltern würden nichts anderes als entsprechende Fotos oder Videos zu zeigen.Auf diese Weise wurde schon vielfach der Geburtstag Jesu gefeiert. Man hat vergessen, dass das Kind eines Tages erwachsen war – und als Erwachsener versuchte, die Welt zu verändern. Jesus begann seine Tätigkeit als Wanderprediger mit der Botschaft: «Das Reich Gottes ist nahe.» Wenn wir dieses Reich ganz kurz mit wenigen Worten beschreiben wollen, fallen uns Worte ein wieFriede, Gerechtigkeit, Liebe, Zuneigung, Verständnis oder auch Zärtlichkeit.Mit andern Worten: Jesus kam, um im Namen Gottes der Menschheit zu zeigen: eine andere Welt ist möglich. Lukas erzählt uns im heutigen Evangelium, wie er in Bethlehem auf die Welt kam – bekanntlich heisst Bethlehem «Haus des Brotes». Das erinnert uns daran, dass Gott eine Welt will, in der kein Mensch Hunger leidet. So lehrt uns Jesus im Vater-unser beten: «Unser tägliches Brot gib uns heute.»Eine andere Welt ist möglich: Diesen Kern seiner Botschaft beschreibt Jesus in seinen Seligpreisungen. Leider haben diese in der Kirchengeschichte kaum eine Rolle gespielt. Die kirchliche Praxis – zum Beispiel im Beichtspiegel – kreiste um die Zehn Gebote. Erst Frère Roger von Taizé bezeichnete die Kirche als «Volk der Seligpreisungen».Dieses Volk, die Kirche, wir alle, zeichnet sich durch Barmherzigkeit aus. Es gilt nicht das Recht des Stärken. Jeder hat eine Chance, auch der Schwächste.
(… ) Nur noch eine wichtige Feststellung: die Hoffnung, dass das Reich Gottes zu uns in die Welt kommt, ist zwar ist es das schönste Geschenk, das Gott uns durch Jesus machte. Es ist jedoch auch für sehr gute Christen kein geläufiger Gedanke. Wir verhalten uns oft so, als ob es im Vaterunser heissen wird: «Nimm uns nach dem Tod auf in dein Reich.» Nein, wir beten: «Dein Reich komme …» Oder wie es in der alten Übersetzung noch deutlicher hiess: «Zu uns komme dein Reich.»Das Reich Gottes ist auf unserer Welt schon da, zwar nicht völlig (es gibt noch so viel Leid und Hass). Wenn wir aber wachsam sind, sehen wir in unserem Alltag Zeichen seines Anfangs. So erzähle ich dazu am Schluss wahre Geschichte, ja fast ein wahres Weihnachtsmärchen. Ich hörte sie am vorletzten Sonntag von einer Freundin, die verantwortlich ist für ein Behindertenheim. Dort lebt ein 60-jähriger Schwerbehinderter, der nicht reden kann. Er war das Kind einer ledigen Mutter, die ihn sofort nach der Geburt ins Heim gegeben und seine Existenz völlig verschwiegen hat. Kürzlich, nach ihrem Tod, bei der Eröffnung ihres Testamentes, erfuhren die sechs Kinder, die sie später geboren hatte, dass sie einen schwer behinderten Bruder haben. Da geschah das Unerwartete: Alle sechs machten sich auf, um ihn zu besuchen. Es war keineswegs ihr letzter Besuch.Ich komme zum Schluss: Dieses wahre Weihnachtsmärchen nährt in uns die Hoffnung, dass in unserer Welt nicht Kälte und Egoismus das letzte Wort haben. Die Zukunft gehört der Menschlichkeit – oder sagen wir es deutlich: dem Reich Gottes, das uns in Jesus Christus geschenkt ist. (Schwarzenberg LU 22.30 Uhr)
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant