Anwalt der orientalischen Tradition

Am 15. November 1962 kam es zu einer «begeisternden Unterhaltung» (Ch 107) zwischen Marie-Dominique Chenu (1895-1990) und dem melkitischen Erzbischof Georges Hakim (1908-2001). Im Anschluss daran bittet der Bischof den Dominikaner, für die Debatte um das Schema De fontibus Revelationis eine Intervention zu schreiben. Am 17. November 1962 trug Hakim den Text in der Konzilsaula – in französischer Sprache – vor: «[…] Ich will lediglich eine Stimme des Orients und seiner patristischen Tradition zu Gehör bringen und sagen, dass die gegenwärtig behandelten dogmatischen Schemata dieser verehrungswürdigen und authentischen Tradition fremd sind, und zwar sowohl hinsichtlich ihrer Redaktion, als auch ihrer Struktur, ihrer Perspektive und ihrer Konzeptualisation. Die Schemata beinhalten gewiss Reichtümer und Werte der lateinischen Theologie, und es gefällt uns, dem wunderbaren ‹intellectus fidei› unsere Ehre zu erweisen, den diese Theologie der Kirche bereitgestellt hat; aber wir bedauern, dass die Redaktoren, in völliger Unkenntnis der orientalischen Katechese und Tradition, […] in ihrem Projekt den universalen Glauben scheinbar monopolisiert haben zugunsten einer partikularen Theologie, und dass sie als exklusive konziliare Lehre errichten wollen, was ein zwar gültiger, aber lokaler und partieller Ausdruck der Offenbarung Gottes ist […] In der orientalischen Theologie – in der die Liturgie der wirksame Ort der Weitergabe des Glaubens ist, in der die Initiation sich innerhalb des sakramentalen Mysteriums vollzieht und nicht in einer abstrakten Unterweisung ohne symbolisches Band –, ist das Mysterium Christi direkt als eine ‹oeconomia› vorgestellt, die sich in der Geschichte abspielt, und die im Alten Bund vorbereitet, in Christus vollendet und in der Zeit der Kirche realisiert ist […] Die vorbereiteten Schemata sind in exklusiver Weise eine Frucht der Scholastik – die sicherlich eine schöne und wahre Frucht ist –, die aber nur aus einigen Elementen der Tradition besteht. Der ökumenische Charakter der Konzils lädt uns ein, das Wort Gottes nicht in spezielle Kategorien einzuschliessen und einen anderen ‹intellectus fidei› durch Auslassung zu eliminieren.» (AS 1/3, 152f).(Michael Quisinsky; s. auch Michael Quisinsky: «Heilsökonomie» bei Marie-Dominique Chenu. Kreative Rezeption ostkirchlicher Theologie im Vorfeld und Verlauf des Zweiten Vatikanischen Konzils. In: Cath[M] 59 [2005], 128-153, 146f)

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