Martin von Tours und der Bettler

Solidarischer als Wilhelm Tell (Im heutigen Evangelium erzählt Jesus vom Scherflein der Witwe. Zudem ist heute Martinstag ….) Früher konnten wir auf unserer 100er-Note sehen, wie er seinen Mantel mit einem Bettler geteilt hat. Martin war, um wieder ein Fremdwort zu gebrauchen, solidarisch mit dem Armen. Auf ihn trifft sehr gut Leonardo Boffs Umschreibung der Solidarität zu: Solidarität «erweist sich auf der Ebene, auf der sich die Menschen mit dem Los der anderen identifizieren, im Leiden und in der Freude, im Schmerz und im Hunger, in Demütigung und Hilflosigkeit.»Wir wissen, dass Solidarität heutzutage nicht bei allen beliebt ist. Für eine gewisse Partei ist sie sogar zum Schimpfwort geworden. Übrigens finden wir schon in Schillers Wilhelm Tell einen solidaritäts-kritischen Dialog:Stauffacher: Wir könnten viel, wenn wir zusammenstünden.Tell: Beim Schiffbruch hilft der einzelne sich leichter. – Ein jeder zählt nur sicher auf sich selbst.Stauffacher: Verbunden werden auch die Schwachen mächtig.Tell: Der Starke ist am mächtigsten allein.
Es scheint, dass heute viele Eidgenossen sich dieses Wort unseres Nationalhelden zu Herzen nehmen. Sie vergessen, dass in einer globalisierten Welt kein Volk im Alleingang vorwärts kommt. Aber dies ist ein anderes Thema.(Es folgt Brechts Gedicht Vom Glück des Gebens und ein kurzer Kommentar dazu ….)Und noch ein letzter Aspekt: Wir sind eingeladen, nicht nur zu helfen, sondern uns auch helfen zu lassen. Sie alle haben es sicher schon erfahren: Dies kann vielleicht noch schwerer sein als zu helfen. Denn wir müssten zugeben, dass wir hilfsbedürftig, schwach sind, auf die andern angewiesen.Dazu eine Szene, die ich vor Jahren erlebt habe, als ich kurz vor Weihnachten eine befreundete Familie besuchte. Sie war gerade am Guetzlibacken. Da kam ein anderer Besucher. Die Kinder wollten ihm Guetzli anbieten. Er wurde ganz verlegen: «Danke. … kann ich nicht annehmen. Ich bin nicht arm.» Ich meine nun:Wenn wir uns unserer Armseligkeit bewusster wären, könnten wir uns leichter beschenken lassen.Und umgekehrt: Wenn wir wissen, dass wir alle im Grunde hilfsbedürftige Wesen sind, fällt es uns leichter, uns in die Situation Hilfesuchender hinein zu denken. Erinnern wir uns, was Leonardo Boff gesagt hat: ….Kloster Wesemlin, 7.30 Uhr; 10.00 Uhr

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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