… des jüdischen/alttestamentlichen Gesetzes? II.(Fortsetzung meiner Sonntagspredigt)Ein zweiter Erklärungsversuch des Wortes Jesu, er sei gekommen, um das Gesetz zu vollenden. Sein Anliegen war, an den ursprünglichen Sinn der Gebote und Verbote zu erinnern. Nehmen wir als Beispiel das Sabbat-Gebot: Er betont: Gott wollte damit das Leben nicht schwerer machen, sondern leichter. Alle, auch die Sklaven, ja selbst die Tiere sollten sich wenigstens an einem Tag frei fühlen. Darum konnte Jesus sagen: «Nicht der Mensch ist für den Sabbat da. Der Sabbat ist für den Menschen da.»Das Sabbat-Gebot konnte leicht in sein Gegenteil verkehrt werden. Durch enge Interpretationen wurde es eine Last. Ein sehr anschauliches Beispiel habe ich selber in Zürich erlebt, als ich am Sabbat jüdische Bekannte besuchte. Sie wohnten im fünften Stock. Da es Juden nicht erlaubt ist, am Sabbat Feuer zu entzünden, dürfen sie am Samstag auch keine elektrischen Geräte benutzen, da diese Feuerfunken erzeugen. Konkret: Sie dürfen keine Hausklingel betätigen und nicht Lift fahren. Meine Bekannten erwarteten Gäste. Sie mussten das Fenster offen halten, damit sie ihr Rufen hörten. Den Schlüssel wollten sie ihren Gästen nicht herunterwerfen, aus Angst, er falle ihnen auf den Kopf. So musste jemand die fünf Stockwerke runtergehen und dann mit den Gästen die fünf Stockwerke raufzugehen, statt den Lift zu benutzen. Kurz und gut: Das Gesetz macht diesen Leuten das Leben schwer statt es zu erleichtern.Nehmen wir als Letztes die Speisevorschriften, die Einteilung von kosher/erlaubt und nicht kosher/nicht erlaubt. Wir dürfen annehmen, dass Gott sie seinem Volk nicht gegeben hat, um es einzuschränken, sondern um es vor Schaden zu bewahren. So bestand im damals im heissen Klima die Gefahr, dass durch Schweinefleisch die gefährlichen Trichinose übertragen würde. Damit macht das Verbot Sinn. Aber wie steht es heute damit, vor allem in kälteren Gegenden?Eine wichtige Speisevorschrift fordert die die Trennung von milchigen und fleischigen Speisen. Diese dürfen nicht einmal nacheinander in der gleichen Pfanne gekocht werden. Welches ist der Sinn? Wenn Sie einen orthodoxen jüdischen Gelehrten danach fragen, wird er Ihnen wohl sagen: «Nicht fragen! Tun! Es ist der Wille Gottes.»
Ich habe mit meinen jüdischen Bekannten über die Reinheitsvorschriften gesprochen. Für sie sind die Vorschriften, die vor mehr als 2000 Jahren in einem völlig andern Umfeld gemacht wurden, heilig/unantastbar. Sie sind völlig desinteressiert an den Herausforderungen, vor die uns heutzutage das Essen stellt:»«¢ Die Frage, ob das Fleisch unter tierquälerischen Bedingungen produziert wurde, interessiert sie nicht. Hauptsache kein Schwein. Aber ob das Huhn zu Lebzeiten unglücklich war, ist völlig belanglos.
Ich komme zum Schluss: Wenn Gott uns die Gebote heute geben würde, würde er solche Hintergründe nicht ausklammern. Er würde uns auffordern, sorgsamer mit unsern Mitgeschöpfen, den Tieren umzugehen. Ein Gebot, das er nicht nur den Juden, sondern auch uns Christen geben würde. Nun, wenn wir die Schöpfungsgeschichte anschauen, hat er uns solche Gebote bereits gegeben: mit der Weisung, an seiner Stelle Sorge zu tragen zu allem Geschaffenen. Nicht nur manche Juden, auch wir haben Mühe damit.
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant