… des jüdischen/alttestamentlichen Gesetzes?Ich kann mir vorstellen, dass Sie mit der heutigen 1. Lesung Mühe haben. Denn hier wird ein Loblied gesungen auf das jüdische Gesetz: «Welche grosse Nation besässe Gesetze und Rechtsvorschriften, die so gerecht sind wie alles in dieser Weisung, die ich euch heute vorlege?»Dieses jüdische Gesetz umfasst 613 Vorschriften: Gebote und Verbote, wobei die Verbote in der Mehrzahl sind. Es gibt davon 365, also für jeden Tag eines. Darum konnte jemand sagen: «Die Juden befinden sich in einem Wald von Verbotstafeln.»Als Christen sind wir froh, dass wir uns nicht mehr auf diese Vielzahl von Vorschriften verpflichtet sind. Aber Halt: Jesus hat gesagt: «Ich bin nicht gekommen, um das Gesetz aufzuheben, sondern um es zu vollenden.» Dieses Wort ist sehr erklärungsbedürftig.Wenn ich versuche, es zu erklären, muss ich sehr verallgemeinern. Eine differenzierte Sicht würde wohl Stunden brauchen. Dazu besteht die Gefahr, dass man leicht anti-jüdisch erscheint. Dies darf nicht geschehen. Denn die Juden sind ja unsere älteren Geschwister im Glauben, wie Päpste im 20. Jahrhundert erklärt haben. (Bemerkung für den Blog: Ich lade die KommentatorInnen zu Differenzierungen ein!)Eine erste Erklärung des Bestrebens von Jesus, die Gebote nicht aufzuheben, sondern sie zu vollenden, gibt er selber im Evangelium: «Was sie lehren, sind Menschensatzungen.» Abgesehen davon, dass wir Gottes Wort immer nur in menschlicher Gestalt, als menschliche Worte haben: Offensichtlich gibt es immer wieder Versuche frommer Menschen, ihre eigene sehr, sehr zeitbedingte Meinung als Gottes Wille auszugeben.Ein Beispiel sind die Kleidervorschriften: In einem neuen Buch hat eine überzeugte deutsche Jüdin sich darüber gewundert, dass die einen Orthodoxen Juden sich an die Mode des 19. Jahrhunderts festklammeren, die andern an die Mode des 18. Jahrhunderts, und dabei meinen, Gottes unveränderlichen Willen zu erfüllen.Wir müssen nicht weit gehen, um dies zu erleben: Wer sich in der Stadt bewegt, trifft fast täglich Juden an, die so gekleidet sind wie ihre Vorfahren vor Jahrhunderte im jüdischen Ghetto Osteuropas. Es sind vor allem auch junge Männer, Absolventen der Tora-Schule in Kriens.Oder noch krasser: Im Heiligen Land kann man bei Temperaturen von 40 Grad russische Juden in Pelzmützen antreffen. Und sie alle meinen, Gottes Gebote zu erfüllen. Wir wollen jetzt nicht verächtlich auf die Juden schauen. Auch in der christlichen Religion gibt es bekanntlich ähnliche Fundamentalisten und Traditionalisten. Ich denke da vor allem an jene, die meinen, wir müssten die Messe unbedingt auf Lateinisch und genau so «lesen» wie es vor 450 Jahren das Konzil von Trient vorgeschrieben hat. Alles andere sei ein Verrat an Jesus.Elisabethenheim Luzern, So 9.45 Uhr(Fortsetzung folgt morgen)
Walter Ludin
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant