Religions-Soziologe José Casanova

«Weibliche Säkularisierung» – Aggiornamento usw.(Der US-amerikanische Religionssoziologe José Casanova schneidet in seinem Salzburger Vortrag wichtige Themen an. Entschuldigt bitte die Länge des Beitrag. Die Lektüre lohnt sich bestimmt. Der weltbekannte Wissenschafter ist übrigens im persönlichen Umgang sehr bescheiden. Ich durfte ihm vor einigen Jahren hier in Luzern nach einem Vortrag begegnen.)Ein ziviler kirchlicher Ungehorsam ist laut Casanova die angemessene Form, theologische Verantwortung in einer Situation eines Auseinanderdriftens von gesellschaftlicher und kirchlicher Moral zu übernehmen. Aus soziologischer Sicht stellen sich für ihn insbesondere die Bereiche der Geschlechtergerechtigkeit und der Sexualmoral als kirchliche Baustellen für die Zukunft dar. Wolle die Kirche einem weiteren Auseinanderklaffen der von ihr propagierten Moral und der säkularisierten gesellschaftlichen Moralvorstellungen entgegentreten, so seien diese Bereich besonders zu beachten, so Casanova.(…)Kirchenaustritte von FrauenDringend werde diese Frage aber auch vor dem Hintergrund des gehäuften Kirchenaustritts insbesondere von Frauen: Die «weibliche Säkularisierung» sei «der signifikanteste Faktor in der seit den 1960er Jahren drastisch voranschreitenden Säkularisierung westeuropäischer Gesellschaften». Verließen die vorwiegend männliche Intelligenzija die Kirche im 18. Jahrhundert und das männliche Proletariat im 19. und 20. Jahrhundert, so habe seit den 1960er Jahren der Auszug der Frauen aus der Kirche begonnen.»Aggiornamento» statt traditionalistische KehrtwendeDas Problem der Geschlechtergerechtigkeit und der kirchlichen Sexualmoral stelle sich daher nicht als theologisches Problem dar, sondern vor allem als «fundamentales Problem patriarchaler Geschlechterdiskriminierung innerhalb der männlichen klerikalen Kirche». Nicht gelten lässt Casanova dabei den Verweis auf die Berufung von Männern durch Jesus. Vielmehr sei «durch die Kirchengeschichte hindurch der männliche Charakter des Priestertums eine selbstverständliche kulturelle Prämisse» gewesen; eine theologische Rechtfertigung sei erst durch die «demokratische Revolution der Moderne» und der In-Frage-Stellung jeglicher Geschlechterdiskriminierung aufgekommen.Schreckgespenst Feminismus Die jüngste vatikanische Maßregelung der amerikanischen Ordensfrauen könne in dieser Perspektive als konsequenter Versuch verstanden werden, sich den «radikalen Veränderungen der Rahmenbedingungen» zu entziehen: «Der Feminismus scheint den Kommunismus als Schreckgespenst aller religiösen Traditionen ersetzt zu haben». Gleiches gilt laut Casanova auch für die Abkehr vom Prinzip des «aggiornamento», der vom Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-65) propagierten Öffnung der Kirche zur Welt und zu den «Zeichen der Zeit»: Wäre dies aus soziologischer Sicht eine «erfolgreiche Adaption an einige fundamentale Moralprinzipien der säkularen Moderne», so beharre die Kirche heute doch weiterhin bei Themen wie Familienstrukturen, Geschlechterrollen, Macht und Autorität auf einer «traditionalistischen, naturalistischen und unreflektierten fundamentalistischen Position».Dabei verkenne die Kirche die im Prinzip des «aggiornamento» verborgene kritische Kraft: Denn mit der Beachtung der «Zeichen der Zeit» sei keinesfalls eine «unkritische Anpassung an die moderne säkulare liberale Kultur» gemeint, sondern vielmehr der Versuch bezeichnet, eine «kritische, wahrhaft prophetische Beziehung zur säkularen Kultur» zu suchen. «Nur eine Kirche, die den Wert des Kerns der modernen Moralentwicklung erkennt und als schicksalhaftes ‘Zeichen der Zeit’ annimmt, kann eine kritische prophetische Rolle gegenüber unmoralischen und anomischen säkularen Trends spielen», so Casanova.

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.blogs-kath.ch/religions-soziologe-jose-casanova/