Gewalt in Nigeria

Wie wenig Religion eine Rolle spieltFast wöchentlich ist von Gewalt gegen «nigerianische Christen» zu lesen. Dabei wird übersehen, dass die Terror-Gruppe Boko Haram auch Muslime umbringt. Zum Beispiel gestern:»Die Zahl der Todesopfer nach einem Anschlag auf eine Kirche in Nigeria hat sich nach nationalen Medienberichten von 16 auf 20 erhöht. Unterdessen griffen Bewaffnete in der zentralnigerianischen Stadt Okene auch eine Moschee an.»
Im Forum-Weltkirche gibt der nigerianische Bischof Matthew Kukah eine sehr differenzierte Analyse der Situation. Er zeigt, dass es sich vor allem um einen sozialen und kulturellen Konflikt handelt und der religiöse Aspekt – Christenverfolgung!- keine wesentliche Rolle spielt. Einige seiner Thesen:- Es wird immer gesagt, die Terror-Gruppe bekämpfe blind die westliche Kultur. Dazu der Bischof: «Sie ist nicht gegen die westliche Ausbildung als solche, jedoch gegen die Behauptung, dass lediglich westliche Erziehung und westliche Werte die Wege zu Wissen und Zivilisation seien. Ich bezweifle, ob es viele Menschen gibt, die dieser Aussage widersprechen.»- Zielscheibe sind auch Muslime, die nicht nach den Vorstellung der Terror-Gruppe ihren Islam leben. Der Bischof erinnert daran, dass es auch christliche Gruppierungen wie gewisse Pfingstkirchen gibt, die andere Christen, die weniger strenggläubig sind, verurteilen.– Der Bischof skizziert die desolate Lage des nigerianischen Staates. Es herrscht Korruption. Die Reichen profitieren vom reichlich fliessenden Erdöl, während die Massen darben. «Boko Haram … geht es nicht um Religion! Es geht um das Versagen von Politik in Nigeria, die Schwächung und Verkümmerung der Adern der Macht durch die zersetzenden Auswirkungen der Korruption. Bei Boko Haram handelt es sich nicht um eine Krankheit, sondern um ein Symptom eines seit Jahren stattfindenden Zerfalls.»Kurz: Nigeria eignet sich sehr schlecht zur Illustration eines «gewalttätigen Islams». So wie der Konflikt England-Nordirland nicht der Beweis dafür ist, dass Anglikaner und Katholiken einander nicht ertragen können. Auch dort stand nicht die Religion/Konfession im Vordergrund, sondern die sozialen Spannungen.

Walter Ludin

Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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